Alles was Precht ist – eine kritische Anfrage an das ZDF
Man kann nicht sagen, dass es noch keine Kritik an Richard David Precht gegeben hätte. Die Meinung des 1964 geborenen Philosophen scheint in fast allen Themen höchste Relevanz zu besitzen. Egal ob es um Russlands Krieg gegen die Ukraine, Covid-19, den Iran, Israel, Rumänien oder die sogenannte “Cancel Culture” und Meinungsfreiheit geht.
Precht scheint jedoch alles andere als “gecancelt” zu sein, er ist immer wieder Interviewgast, auch in öffentlich-rechtlichen Medien, und seine Schriftwerke findet man in diversen Buchhandlungen. Gemeinsam mit Markus Lanz betreibt er seit 2021 den Podcast “Lanz und Precht”, der zu den meistgehörten Podcasts im deutschsprachigen Raum zählt.
Was man Precht wohl weniger vorwerfen könnte, ist, dass er seine Meinung wie die Fahne im Wind drehen würde. Das zeigt ein Clip aus dem Jahr 2014, eine TV Aufnahme, die immer wieder von unterschiedlichsten Profilen auf Social Media geteilt wird. Der Ausschnitt stammt aus einer ZDF Sendung, einem Talk bei Maybrit Illner. In diesem kritisiert Precht die NATO Osterweiterung. Der über 10 Jahre alte Ausschnitt wird speziell seit Russlands Vollinvasion immer und immer wieder geteilt.
Das Verbreiten solcher Ausschnitte über spezielle Accounts passiert systematisch und hat auf Social Media natürlich eine “glaubwürdigere” Rolle als ein Social Media Profil oder ein Online Influencer. Precht ist weder ein Social Media Influencer noch ein anonymer Social Media Kommentator. Er äußert sich regelmäßig in Büchern, Interviews und Medienauftritten zu politischen und gesellschaftlichen Themen.In einem ORF Interview weist Precht darauf hin, dass er nicht glücklich über die Bezeichnung “umstritten” ist, deshalb weisen wir höflich darauf hin, dass es durchaus kritische Stimmen zu seinen Positionen gibt, ganz im Sinne der Meinungsfreiheit, von der Precht ja so gerne spricht.
Kürzlich wurde aber nicht von einem x beliebigen Kanal, sondern vom Instagram Kanal “Lanz und Precht” eine “prechtsche Analyse” zur Ukraine und Russland veröffentlicht, ohne Gegendarstellung, mit entsprechender Resonanz in den Kommentarspalten.
Das hat uns zu einer Anfrage beim ZDF bewegt:
Sehr geehrtes ZDF Presseteam,
ich möchte im Zuge meiner Recherche für INVED.eu auf ein Instagram-Reel eingehen, welches vom entsprechenden „Precht Lanz“-Instagramkanal kürzlich zum Thema Krieg in der Ukraine platziert wurde. Die Narrative von Precht zu diesem Thema sind ja seit 2014 weitgehend bekannt, selbst alte Videoausschnitte kursieren auf einschlägigen Kanälen immer wieder – eine fragwürdige Entwicklung, darauf möchte ich aber in diesem Fall nicht eingehen. Der Instagramkanal Precht Lanz teilt auf seinem Instagramkanal ein Video mit Aussagen von Herrn Precht, die nicht eingeordnet oder widerlegt werden.
“Frieden schaffen wäre der ursprüngliche 28-, 29-Punkte-Plan gewesen, weil da haben die Russen sozusagen mitbestimmt, die haben da mitdiktiert dran, das sind die Bedingungen, unter denen Russland möglicherweise einen Frieden machen würde.” Danach folgen Aussagen zu den Positionen der Europäer, die diesen, Precht nennt es sogar so “Diktatfrieden” verhindert hätten, das “Papier wäre vom Tisch”.
Gravierender sind aus meiner Sicht aber die folgenden Aussagen:
“Die Lösung, die wir tatsächlich haben, wäre, über die Vorgeschichte des Ukrainekrieges mit den Russen zu reden und zu sagen, dass die NATO-Osterweiterung, so wie wir sie betrieben haben, als weitere Ausweitung der Machtsphäre der USA – was es ja in erster Linie war – dass wir Europäer da einen Fehler gemacht haben und dass wir eine neue europäische Sicherheitsarchitektur unter Einbezug Russlands aufbauen wollen.”
Zur Einordnung:
Die NATO-Osterweiterung (2004!!!) ist natürlich nicht der Grund für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Prechts Narrative, unter anderem, dass Europa einen „Fehler“ gemacht habe, ignorieren in diesem Video nicht nur den russischen Imperialismus gegen die Ukraine als Angriffsmotiv, sondern sind auch gegenüber jenen Ländern, die Opfer des russischen Imperialismus wurden – zum Beispiel Litauen, Lettland und Estland –, mehr als problematisch. In der Kommentarspalte des entsprechenden Reels, welches ich verlinken werde, zeigt sich auch der Effekt einer solchen Publikation, der praktisch selbsterklärend ist, wenn man die entsprechenden Reaktionen näher betrachtet. Welche Wirkung derartige Narrative für ukrainische Geflüchtete und direkt Betroffene des russischen Angriffskrieges haben, lässt sich auch relativ leicht erahnen.
Fakt ist: Von russischen Offiziellen und Staatspropagandisten wird täglich der Ukraine das Existenzrecht abgesprochen, man kann in vielen Fällen von genozidaler Rhetorik sprechen. Die Journalistin Julia Davis dokumentiert dies bereits seit Jahren. Auch viele deutschsprachige Expertinnen und Experten, Journalistinnen und Journalisten können das bestätigen. Selbst die russische Staatspropaganda präsentierte gleich ein Bündel an „Kriegsmotiven“, leugnete aber bis 2022 überhaupt in der Ukraine militärisch aktiv zu sein, so wie auch der Abschuss von der Passagiermaschine MH17 immer noch geleugnet wird.
Daraus ergeben sich eine Reihe von Fragen:
War man sich dieser Umstände bewusst, als man dieses Reel auf Social Media platziert hat, ohne jegliche Einordnung?
War man sich weiters bewusst, welchen Effekt die Frage „Nur einen Satz sagen und dann gibt es Frieden? Hat Richard Recht?“ des Social-Media-Teams hat?
Ist man sich bewusst, welche Auswirkungen derartige Narrative haben, sowohl auf die Einschätzung der russischen Vollinvasion der Ukraine als auch welche Wirkung gegenüber Geflüchteten und Kriegsbetroffenen entsteht?
Gibt es bezüglich solcher Aktivitäten eine kritische interne Diskussion und Problembewusstsein?
Wird es eine (reichweitenstarke) Einordnung zu diesen Narrativen geben?
Vielen Dank für Ihre Rückmeldung
Dietmar Pichler
Head Editor INVED.eu
Antwort von Thomas Hagedorn, Programmkommunikation ZDF:
“Das Format „Lanz + Precht“ ist als Gesprächs- und Diskursformat angelegt. Es bildet persönliche Einschätzungen der Gesprächspartner ab, keine redaktionellen Positionen des ZDF. Ziel ist es, unterschiedliche Sichtweisen erkennbar zu machen und Diskussionen zu ermöglichen. Es geht nicht darum, politische Bewertungen verbindlich einzuordnen oder zu autorisieren.
Unabhängig von einzelnen sicherheitspolitischen Bewertungen ist festzuhalten, dass Richard David Precht den russischen Angriff auf die Ukraine zu keinem Zeitpunkt legitimiert hat und ihn an anderer Stelle ausdrücklich verurteilt. Die Diskussion historischer oder politischer Zusammenhänge ist nicht mit einer Billigung militärischer Gewalt gleichzusetzen.
Social-Media-Clips können naturgemäß nur Ausschnitte wiedergeben. Sie verweisen auf ein längeres Gespräch, dessen Einordnung sich aus dem Gesamtzusammenhang ergibt, nicht aus einzelnen Sequenzen.
Ihre Einschätzung zur Wirkung solcher Aussagen haben wir zur Kenntnis genommen. Zu den Aufgaben öffentlich-rechtlicher Angebote gehört es, Diskursräume abzubilden, auch wenn dort Positionen vertreten werden, die nicht unstrittig sind.”
