Feindbild Westen: Die Fürsprecher der Autokraten befinden sich auch unter uns
Die liberale Demokratie steht nicht nur von außen, sondern auch von innen unter Beschuss.
Während extreme Linke wie Rechte das Feindbild Westen pflegen, sieht die politische Mitte apathisch zu.
Der UDSSR-Überläufer Juri Bezmenov sendete bereits Anfang der 80er Jahre eine Warnung aus. Das Ziel der sowjetischen “Aktiven Maßnahmen” sei es, in einem Prozess der ideologischen Subversion durch Manipulation und Desinformation so lange auf eine Gesellschaft einzuwirken, bis sie nicht mehr in der Lage ist, sich zu verteidigen. Das betrifft nicht nur die kinetische, also militärische Verteidigung oder den Willen zu einer solchen, sondern auch die Frage, wie schützenswert man unsere Werte, das System, in unserem Falle die liberale Demokratie, hält.
Im Kalten Krieg waren die Fronten relativ klar. Ein großer Teil der westlichen Kommunisten orientierte sich an der Sowjetunion, romantisierte sie, ein weiterer Teil folgte dem Trend des Maoismus der 70er Jahre. Beide Fraktionen wurden zum Teil bereits damals enttäuscht, wenn entsprechende Reisen, obwohl strikt durchgeplant und von den Geheimdiensten inszeniert, nicht das Paradies offenbarten.
Eine gewisse Mitschuld tragen möglicherweise auch die Konservativen dieser Zeit, die den langhaarigen, Rockmusik hörenden Alternativen empfohlen haben, doch “nach Russland” zu gehen, wenn es ihnen hier nicht passt. Nicht erklärend natürlich, dass in der Sowjetunion ein reaktionärer, uniformierter, diktatorischer Polizeistaat herrschte und Rockmusik bis zu Glasnost überhaupt verboten war und als subversiv galt. Trotzdem gelang es der Sowjetunion und ihren Verbündeten, Millionen Linken im Westen das Narrativ mitzugeben, dass an allem Unheil der Welt nur der Westen Schuld trage und alle anderen nur den Frieden wollten.
Von diesem Frieden sprach auch die Friedensbewegung, jene Szene, die nachweislich von KGB, Stasi und dem tschechoslowakischen Geheimdienst beeinflusst, unterwandert und zum Teil sogar gesteuert wurde. Während es in Deutschland zumindest eine gewisse Aufarbeitung der alten Friedensbewegung gab, blieb dies in Österreich beinahe völlig aus. Nur ein Profil-Artikel aus dem Jahr 2022 mit dem zutreffenden Titel “Der Feind stand im Westen” beschreibt den antiwestlichen Bias der damaligen Akteure. Wer genauer recherchiert, findet auch ein Plakat von Solidarność und ein Transparent gegen die sowjetischen SS-20, aber im Prinzip war die Richtung schon sehr klar gegen den Westen gerichtet, eine Eigenschaft der Friedensbewegung, die sich auch Jahrzehnte später nicht anders positioniert, teilweise sogar noch radikaler Täter und Opfer vertauscht. Dabei ging es längst nicht mehr nur um die Kritik einzelner westlicher Fehlentwicklungen, sondern zunehmend um die Vorstellung, dass der Westen selbst das eigentliche Problem sei und seine Gegner deshalb automatisch auf der richtigen Seite der Geschichte stünden.
Nicht alle, aber Millionen der damals in diesen Zeiten sozialisierten und ideologisierten Menschen haben ihr Weltbild in die heutige Gegenwart mitgenommen. Vielleicht weniger die Pazifisten, aber die “revolutionär-kommunistische” Szene hat auch Nachwuchs bekommen. Auf TikTok, Instagram und Co. kann man beobachten, wie Mao, Stalin, Nordkorea, der Iran und die Hamas wieder gefeiert werden, diese seien nur von “westlichen Medien und Geschichtsfälschern” verunglimpft worden. Der Homosexuelle verfolgende Militärdiktator Ibrahim Traoré wird zum “antikolonialen Kämpfer”. Ein User spricht es unter einem Posting zum Thema China und Taiwan kürzlich offen aus: “Warum sollte Demokratie was gutes sein, schaut China, funktioniert besser als Europa, USA und Israel sind schuld an jedem Krieg auf der Welt”. Was früher in kleinen ideologischen Zirkeln diskutiert wurde, erreicht heute durch Algorithmen und soziale Medien innerhalb weniger Stunden Millionen Menschen und wirkt dadurch weit über die eigentliche Szene hinaus.
In einer Tour zeigen Reels und Shorts, wie der Westen die “Sprache kolonialisiert”, allein verantwortlich für alle Ausbeutung auf dieser Welt ist und sich besser und bitte ohne zu klagen seinem verdienten Untergang hingeben soll. Influencer wie “Socialist Champagne” erzählen uns von “westlicher Heuchelei”, der “Militarisierung der EU gegen Russland”, dem “Failed State Ukraine” und davon, dass Xi Jinping “based”, also ein feiner Kerl sei und die EU sich China annähern soll.

Auf TikTok und Instagram hört man, dass wir vom Westen und den “Mainstreammedien” zu Stalin, Mao, Iran und sogar zu Nordkorea “belogen” wurden. Diese Inhalte erreichen auch Personen außerhalb radikaler Zirkel.
Post Colonial Studies zeigen nicht nur andere Perspektiven auf und erweitern den eigenen Horizont, nein, sie animieren inzwischen offen, andere Sichtweisen, nämlich jene diverser Diktaturen, unkritisch zu übernehmen. Kolonialismus wird auch nur als eine exklusiv westliche Plage wahrgenommen, während russischer, osmanischer, chinesischer oder arabischer Kolonialismus und Expansionismus entweder geleugnet, ausgeblendet oder verklärt werden.
Dabei ist es natürlich geboten, einen kritischen Blick auf die eigene Vergangenheit und Gegenwart zu werfen. Aber diese kritische Sicht wird längst und sogar über Gebühr auf den Westen geworfen. An Universitäten und teilweise sogar in den Medien gilt es als besonders “objektiv”, westliche oder prowestliche Politiker mit der Lupe auseinanderzunehmen, während man gleichzeitig viel Raum für die “Interessen” autokratischer Führer bereithält.
Dieses Phänomen wird allerdings von den Vertretern der antiwestlichen Agitation nicht nur geleugnet, es wird auch umgedreht. Im Sinne eines Strohmannargumentes wird behauptet, dass die Medien “prowestlich” berichten würden, Bildungseinrichtungen ein “westliches Weltbild” (was ist das eigentlich?) verbreiten würden und völlig unkritisch, im schlimmsten Falle, “Kriegstreiberei” betrieben werde.
Die gleiche Unterstellung gibt es gegenüber Hollywood. Dabei ist Hollywood spätestens seit der Reagan-Ära nicht mehr patriotisch und ein großer Teil der US-Serien und Filme fördert verschwörungstheoretisches und regierungsfeindliches Denken. China-kritische Filme wie “Red Corner”, in dem Richard Gere versucht, gegen die chinesische Justiz zu bestehen, sucht man heute vergeblich. Man will den chinesischen Markt nicht gefährden.
Dabei solle man doch ohnehin endlich dem nicht genau definierten “Globalen Süden” zuhören, der die Dinge “anders” sieht. Gemeint sind freilich nicht die oft stark unterdrückten Menschen, sondern natürlich die Diktatoren, die genau wissen, wie sie propagandistisch im Westen bei der geneigten Zielgruppe die richtigen “Knöpfe drücken”, um ihre Narrative in die Köpfe zu bringen.
Auffällig ist dabei, dass die gleichen Akteure, die permanent mehr Vielfalt an Perspektiven einfordern, häufig erstaunlich wenig Interesse an jenen Stimmen zeigen, die innerhalb autoritärer Systeme selbst für Freiheit und Demokratie kämpfen.
Doch wer glaubt, dass im Jahr 2026 diese Form der gefährlichen Realitätsverzerrung nur von links kommt, der irrt gewaltig. Längst haben Rechtspopulisten und Extremisten den Westen als Feindbild entdeckt, der die “Globalisierung” fördert und “traditionelle Werte” unterminiert. Diese werden natürlich bei den Autokraten der Wahl “geschützt”, da findet auch so mancher Rechtsextreme kommunistische Diktaturen plötzlich gar nicht mehr so schlecht.
Ausgerechnet jene extreme Rechte, die sich als “Verteidiger des Abendlandes” inszeniert, fällt immer wieder damit auf, dass sie nicht nur eigenartige Allianzen pflegt, sondern auch völlig unsolidarisch mit unserer Gesellschaft ist. Westeuropa wird geradezu dämonisiert, während Russlandreisen als Inszenierung der “wahren Wertegesellschaft” gefeiert werden.
Doch die neue Rechte biedert sich längst nicht mehr nur Russland an, sondern hat auch China für sich entdeckt. Die Propaganda der Autokraten versteht sich darauf, ihre Botschaften zielgruppenorientiert an das jeweilige Publikum im Westen zu senden. Frustrierte der extremen Ränder sind genauso Zielgruppe wie eine “demokratieverwahrloste” graue Masse, die sich längst nicht mehr bewusst ist, wie gesegnet wir sind, in Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit leben zu dürfen. Doch wer will ihnen einen Vorwurf machen, wenn diese Werte bereits seit Jahrzehnten weder vermittelt noch gelehrt oder gar beworben werden?
Die Folge ist ein gesellschaftliches Klima, in dem die Verteidigung demokratischer Werte zunehmend als verdächtig gilt, während die Relativierung autoritärer Ideologien oft als Ausdruck besonderer Offenheit und Differenziertheit verkauft wird.
Der Kampf zur Verteidigung unserer Demokratie kann nicht mit dem Faktenchecken gefälschter Bilder und Kritik an Social-Media-Algorithmen gewonnen werden.
Das Problem, der Mangel an Demokratieresilienz und Awareness für die umfangreiche ideologische Subversion unserer Gesellschaft, muss endlich erkannt werden, in seinem gesamten Ausmaß. Das wäre ein erster Schritt, der Herausforderung zu begegnen, bevor es zu spät ist.
Weitere Lektüre
Jean-François Revel: How Democracies Perish
https://chezrevel.net/how-democraty-perish/
Friedensbewegung: Der Feind stand im Westen (Profil, Christa Zöchling, 2022)
https://www.profil.at/oesterreich/friedensbewegung-der-feind-stand-im-westen/401937793
Western Anti-Westernism
https://yandoo.wordpress.com/2025/11/10/western-anti-westernism/
Obaid Omar: How Post-Colonialism Is Fuelling Antisemitic Protests Across the West
https://macdonaldlaurier.ca/how-post-colonialism-is-fuelling-antisemitic-protests-across-the-west-obaid-omar-for-inside-policy/
Der Standard: Postkolonialismus, aber welcher?
https://www.derstandard.at/story/3000000209853/postkolonialismus-aber-welcher
INVED: Western Anti-Westernism: The Road to Self-Destruction
https://inved.eu/insight/western-anti-westernism-the-road-to-self-destruction/
Pascal Bruckner: The Tyranny of Guilt: An Essay on Western Masochism (Buch)
https://www.jstor.org/stable/j.ctt7sgrq
INVED: From Khamenei to Stalin: How Far Left Gen Z Social Media Channels Glorify Dictators and Rewrite History
https://inved.eu/insight/from-khamenei-to-stalin-how-far-left-gen-z-social-media-channels-glorify-dictators-and-rewrite-history/

Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
