“Kyjiw statt Kiew” – warum Sprache eine Rolle spielt – ein Kommentar und Faktencheck
Nachdem der Journalist und Korrespondent Vassili Golod angekündigt hat, dass der WDR nun die Schreibweise Kyjiw statt “Kiew” nutzen wird, kam es zu wütenden Reaktionen, von unglaublicher Ignoranz, invalider Argumentation und einer Sturheit, die mit erstaunlicher Kreativität und Realitätsverzerrung gerechtfertigt wurde.
Ich möchte zuerst, für alle, die nicht lange weiterlesen wollen oder können, klarstellen: “Kiew” ist kein “schützenswertes deutsches Wort”, es ist schlicht die Transkription der ukrainischen Hauptstadt aus der russischen Sprache. Wenn man also das Wort Kiew schützt, schützt man kein “altes deutsches Wort”, man schützt ein russisches Wort (Киев).
Das bringt mich auch zum nächsten Argument: Dann müsse man ja auch Firenze, Roma, Warszawa usw. sagen. Nein, das ist ein völlig falscher Vergleich und ein mieser Versuch von Whataboutism: Wir verwenden ein Wort aus einer dritten Sprache, eben kein originales deutsches Wort, keine ukrainische Transkription, sondern die Transkription aus der RUSSISCHEN SPRACHE. Zufälligerweise die Sprache des Landes, welches gerade einen imperialistischen Krieg gegen die Ukraine führt, täglich genozidale Propaganda verbreitet und dem Nachbarn das Existenzrecht abspricht. Genau deshalb geht es hier nicht um eine sprachliche Kleinigkeit, sondern um die Frage, welche Bezeichnungen wir in unserer eigenen Sprache bewusst übernehmen und weiterverwenden.
Das nächste absurde Argument, das man lesen konnte, betraf die russische Sprache in der Ukraine. Russisch ist so verbreitet, deshalb passe die Bezeichnung auch so, und außerdem würden viele Geflüchtete in Deutschland, Österreich usw. auch Russisch sprechen.
Das ist richtig und hat auch mit dem russischen Imperialismus zu tun, steht aber in keinem Zusammenhang mit der Frage, ob wir uns in der DEUTSCHEN Sprache ausgerechnet der RUSSISCHEN SPRACHE bedienen sollen, wenn wir über die Ukraine sprechen. Ich kann mich übrigens gut erinnern, wie russischsprachige Ukrainer schon vor weit mehr als 10 Jahren in Charkiw eben schon “Kharkiv” (auf Englisch) verwendet haben und nach 2014 auch immer öfter “Kyiv” statt “Kiev”, unabhängig davon, welche Sprache sie mit der Babuschka (Großmutter) verwendet haben.
Was auch eine Einleitung für die nächste Behauptung ist: Die Ukrainer hätten jetzt doch andere Sorgen, als wie man ihre Hauptstadt nennt. Ja, man macht sich Sorgen um die weitere Existenz, dass es Russland gelingen kann, alles “Ukrainische” auszulöschen, der kulturelle Genozid erfolgreich sein kann und die Ukraine nur ein unterworfenes “Kleinrussland” ist, wie Medwedew es genannt hat.
Genau hier liegt auch die Wichtigkeit für sehr viele Ukrainerinnen und Ukrainer, dass man ihre kulturelle Existenz auch international anerkennt, zum Beispiel indem man ihre Städte nicht ausgerechnet auf Russisch transkribiert. Die Initiative KyivNotKiev weist darauf bereits seit Jahren hin, wie auch das ukrainische Außenministerium und die Zivilgesellschaft, egal ob in der Ukraine, in der Diaspora oder unter Geflüchteten, immer wieder darauf hinweisen. Gerade weil Russland die ukrainische Identität seit Jahren systematisch infrage stellt, sind solche symbolischen Fragen für viele Betroffene alles andere als belanglos.
Ganz allgemein wird gezeigte Solidarität, zum Beispiel durch Kundgebungen und von “Nicht-Ukrainern”, egal ob von in der Ukraine lebenden Menschen oder von Ukrainern im Ausland, extrem positiv aufgenommen und spielt eine ganz große Rolle.
Dann vermute ich auch, dass es den Irrglauben gibt, man würde sich einer Seite “anbiedern”, wenn man die ukrainische Transkription verwenden würde. Also zum Mitschreiben: Man hat die Befürchtung, wenig “objektiv” zu sein, wenn man die Transkription des Opferlandes verwendet, und bleibt daher bei der Transkription des Angreifers, der eben dieses Land auslöschen will? Weil es halt immer schon so war?
Am Ende bleibt der traurige Verdacht, dass es vielleicht doch noch viele unter uns gibt, bei denen die Ukraine dann eben doch “irgendwo noch zu Russland gehört”.
Zum Weiterlesen:
Kyiv Independent (2024)
Hintergrundartikel zur Geschichte von “Kyiv” vs. “Kiev” und zur Bedeutung der ukrainischen Schreibweise.
https://kyivindependent.com/kyiv-not-kiev-how-ukrainians-reclaimed-their-capital-and-their-future/
Dachverband der ukrainischen Organisationen in Deutschland (2022)
Erläuterung der Unterschiede zwischen “Kiew”, “Kyiv” und “Kyjiw” sowie der sprachlichen und historischen Hintergründe.
https://www.dach-ukraine.de/de/2-uncategorised/207-kiew,-kyiv-oder-kyjiw.html
DER SPIEGEL (30.10.2024)
Begründung der Redaktion für die Umstellung von “Kiew” auf “Kyjiw”.
https://www.spiegel.de/ausland/kyjiw-statt-kiew-warum-der-spiegel-seine-schreibweise-aendert-a-8a873cc8-ec2c-4cb7-921c-215cbc1e4f1f
DER STANDARD (23.02.2025)
Warum DER STANDARD künftig “Kyjiw” statt “Kiew” verwendet.
https://www.derstandard.at/story/3000000258226/kyjiw-statt-kiew

Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
