Podcast Kritik: Matthias Strolz bei Stephan Zöchling über die Ukraine, Russland und Europa
Der Unternehmer Stephan Zöchling hatte im Sommer 2026 den NEOS-Mitgründer und Musiker Matthias Strolz in seinem Podcast zu Gast. Zöchling, CEO von Remus, zuletzt auch in den Medien zum Thema Sberbank, befragte Strolz zu unterschiedlichen Themen. Hier wird nur ein Ausschnitt aus dem letzten Teil der Diskussion (Ukraine, Russland, Europa) ab Minute 21:30 betrachtet:
Stephan Zöchling richtet an Matthias Strolz unter anderem:
“…Sollten wir nicht, im Sinne des Friedens, und du bist ein großer Anhänger, logischerweise von Frieden, auch einmal hergehen und sagen, ok, jetzt setzt sich irgendeiner in den Flieger, red sich jetzt mit dem Herrn Putin aus und drauf gepfiffen, wenn ma halt irgendwo in der Ukraine a paar Ländereien abgeben, damit a Ruh ist und damit Friede einkehrt, weil wir auch, ich mein Moskau, geographisch liegts in Europa, historischer Fehler wahrscheinlich Russland nicht viel stärker an Europa zu binden und auch dafür eine Energiesicherheit zu Sorgen…”
In dieser Frage stecken gleich mehrere Aspekte, die eingeordnet werden müssen.
1) Mehrere Staatschefs (darunter Trump, aber auch der ehemalige Bundeskanzler Nehammer) haben das Gespräch mit Putin gesucht, die Gesprächskanäle sind nie vollständig abgebrochen worden, trotzdem gibt es in den Kernfragen keinerlei Bewegung von der russischen Seite.
2) Bereits seit 2014 gibt es von Russland keinerlei Entgegenkommen bezüglich der Aggression gegen die Ukraine, das manifestiert sich zum Beispiel im Hinblick auf den Abschuss der Passagiermaschine MH17, für den bis heute keinerlei Verantwortung übernommen wird. Offizielle Vertreter des Kremls und der Staatspropaganda sprechen immer noch vom Erreichen aller Kriegsziele, die eine Unterwerfung der Ukraine, militärische Wehrlosigkeit und umfangreiche Gebietsabtretungen zum Inhalt haben. Russland hat darüber hinaus mehrfach die Annexion weiterer ukrainischer Gebiete verkündet, obwohl diese militärisch nie vollständig kontrolliert wurden. Bezüglich Gebietsabtretungen gibt es widersprüchliche Signale, grundsätzlich werden aber große Teile der Ukraine von offiziellen russischen Vertretern immer wieder als historisch russisches Territorium bezeichnet.
Laut Ex-Präsident Medwedew darf entweder eine Mini-Ukraine bestehen bleiben oder die gesamte Ukraine Russland sein. Präsident Putin hat ähnliche Äußerungen gemacht und spricht der Ukraine immer wieder subtil oder offen die Eigenständigkeit ab. Insgesamt gibt es daher bislang keinerlei Anzeichen dafür, dass der Kreml mit begrenzten Gebietsabtretungen dauerhaft zufriedenzustellen wäre oder seine grundlegenden Kriegsziele aufgegeben hätte.
3)
Russland war Mitglied im Europarat, im NATO-Russland-Rat und in der Partnerschaft für den Frieden der NATO. Es gab das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und Russland sowie viele andere Initiativen zur gemeinsamen Gestaltung der Beziehungen. Zahlreiche europäische Politikerinnen und Politiker pflegten über Jahrzehnte enge Beziehungen zu Russland. Der Punkt Energiesicherheit wurde ebenfalls genannt. Genau diese wurde laut vielen Kritikern jedoch gerade nicht gewährleistet, weil man sich systematisch immer abhängiger von russischem Gas gemacht hat, speziell, aber nicht nur, in Österreich. Natürlich hatte die Alpenrepublik durch ihren Gasvertrag mit der Sowjetunion eine gewisse Vorreiterrolle, die historisch möglicherweise ebenfalls nicht unkritisch zu bewerten ist.
Fazit: Russland wurde über viele Jahre politisch und wirtschaftlich umgarnt. Länder, die sicherheitspolitisch vor Russland warnten, wurden häufig vertröstet oder ihre Warnungen heruntergespielt. Der russische Imperialismus wurde ignoriert oder seine Narrative teilweise sogar übernommen. Das Problem war daher wohl kaum, dass Russland zu wenig an Europa gebunden gewesen wäre. Vielmehr vertraute man darauf, dass wirtschaftliche Verflechtung zu einer dauerhaften politischen Annäherung und Demokratisierung führen würde. Diese Erwartung hat sich spätestens seit 2014 als Fehleinschätzung erwiesen.
Antwort von Matthias Strolz:
Vorweg: Strolz verurteilt die Aggression Russlands im Podcast auch, aber diese (siehe unten) Talking Points sind doch dringend einzuordnen:
“Europa hats mitverschuldet, natürlich, es gibt kein Europa ohne Russland”…
“das heißt die Idee wir können Russland abspalten is dumpf.”
Anmerkung: Der Umstand, dass Russland geographisch zum Teil in Europa liegt, ist bekannt und wird auch nicht geleugnet. Die Hasskampagne gegen Europa kommt jedoch aus Russland, hier ist es wichtig, Ursache und Wirkung zu erkennen. Russland distanziert sich seit Jahren selbst von Europa. Man kann hierzu nicht nur auf die Drohungen sowie die anti-EU-Aktivitäten des Kremls und der Staatspropaganda schauen, sondern auch auf die “Gayropa”-Kampagne der letzten Jahre. Gleichzeitig wird der Westen in offiziellen russischen Narrativen regelmäßig als moralisch verkommen, dekadent und feindlich dargestellt. Auch Präsident Putin hat wiederholt erklärt, Russland sei eine eigenständige Zivilisation mit einem eigenen Werteverständnis und stelle dem Westen ein alternatives Gesellschaftsmodell gegenüber. Vor diesem Hintergrund erscheint die Behauptung, Europa habe Russland “abgespalten”, historisch nur schwer nachvollziehbar.
Strolz:
“es gab Zeiten, wo Russland sich sehr stark in Richtung Europa auch orientiert hat, Europa hats nicht verstanden, USA hatte andere Interessen, die USA hat immer historisch das Interesse gehabt, das Europa und die Sowjetunion nicht zusammenwachsen, oder Russland, weil dann ist es der unschlagbare Global Player…”
Hierbei handelt es sich um eine geradezu kuriose Aussage, die man eher aus dem kommunistischen Umfeld erwarten würde: mit der Sowjetunion zusammenwachsen? Die Sowjetunion war mit Europa “verwachsen”, nämlich insofern, dass unzählige Völker und Nationen in halb Europa hinter dem Eisernen Vorhang in einer kommunistischen Diktatur eingesperrt waren. Tiefe, in weiten Teilen kritikwürdige ökonomische (und politische) Beziehungen gab es zu einem gewissen Grad auch mit der Sowjetunion und mit Russland noch viel breiter und umfassender. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges wurde Russland politisch und wirtschaftlich umfassend in europäische Strukturen eingebunden. Die Vorstellung, Europa habe Russland systematisch auf Distanz gehalten, lässt sich historisch daher kaum aufrechterhalten. Vielmehr wurde über viele Jahre versucht, Russland durch Dialog, Handel und institutionelle Zusammenarbeit enger an Europa zu binden, mit einem Erfolg, der sich spätestens seit 2014 als sehr begrenzt erwiesen hat.
Strolz:
“ich verstehs auch ganz klar, dass Putin sagt, ich will also nicht, die Atombombe 5 km von meiner Grenze stationiert haben, das wollten die Amerikaner in Kuba auch nicht…”
Von welcher Atombombe Strolz hier spricht ist die Frage. Kernwaffen wurden auch nach dem Kalten Krieg weder in den neuen NATO-Mitgliedstaaten noch in Ostdeutschland stationiert. Es gibt weder im Baltikum noch in Skandinavien, Bulgarien oder Rumänien Nuklearwaffen. Des Weiteren ist zu sagen, dass die Ukraine nicht im „NATO Membership Action Plan“ war, eine Mitgliedschaft gar nicht absehbar war, schon gar nicht mit “Atomraketen”, die eben auch bei allen anderen neuen NATO-Mitgliedstaaten nicht stationiert wurden.
Des Weiteren sollte man auch anfügen, dass Russland nach offiziellen Statistiken die meisten Atomraketen der Welt besitzt und diesbezüglich sogar die Vereinigten Staaten übertrifft. Die Idee, dass die NATO einen überraschenden Atomkrieg gegen Russland planen könnte, ist mehr als irrational, genauso wie die generelle Idee, dass Russland von der NATO proaktiv bedroht worden wäre. Außer natürlich, man würde den Umstand, dass die NATO den russischen Imperialismus und Expansionismus erschwert und eindämmt, als „Bedrohung“ bezeichnen.
Zum Nachlesen und Nachhören:
Wie Europa von russischer Energie abhängig wurde (Bundeszentrale für politische Bildung, 2022)
https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/europa-wirtschaft/515221/wie-europa-von-russischer-energie-abhaengig-wurde/
Russland und Belarus trainieren Atomwaffeneinsatz (Der Spiegel, Mai 2026)
https://www.spiegel.de/ausland/russland-und-belarus-trainieren-einsatz-mit-atomwaffen-a-33fd578a-f524-48dc-af20-2e8c2948622f?utm_
Council on Foreign Relations: Kernwaffen in Europa (2023)
Interaktive Karte und Überblick über die Stationierung amerikanischer und russischer Kernwaffen in Europa.
https://www.cfr.org/articles/nuclear-weapons-europe-mapping-us-and-russian-deployments
Putin compares himself to Peter the Great in quest to take back Russian lands, The Guardian, Juni 2022
https://www.theguardian.com/world/2022/jun/10/putin-compares-himself-to-peter-the-great-in-quest-to-take-back-russian-lands
Morality Shouldn’t Get in the Way — Russia’s Genocidal State Media, CEPA, März 2023
https://cepa.org/article/morality-shouldnt-get-in-the-way-russias-genocidal-state-media/
Putin proclaims Odessa Russian city, challenges Ukraine’s historical narrative, TASS, Russian Propaganda Press Agency, 2023
https://tass.com/politics/1721001
Putin will besetzte ukrainische Gebiete in „Neurussland“ umbenennen (Frankfurter Rundschau, Juni 2024)
https://www.fr.de/politik/russland-krieg-ukraine-luhansk-cherson-krim-neurussland-donetsk-zr-93120066.html
Morality Shouldn’t Get in the Way — Russia’s Genocidal State Media, CEPA, März 2023
https://cepa.org/article/morality-shouldnt-get-in-the-way-russias-genocidal-state-media/
Putin proclaims Odessa Russian city, challenges Ukraine’s historical narrative, TASS, Russian Propaganda Press Agency, 2023
https://tass.com/politics/1721001
Putin will besetzte ukrainische Gebiete in „Neurussland“ umbenennen (Frankfurter Rundschau, Juni 2024)
https://www.fr.de/politik/russland-krieg-ukraine-luhansk-cherson-krim-neurussland-donetsk-zr-93120066.html
“Die Leugnung des russischen Imperialismus im Faktencheck” (INVED, Juni 2025)
https://inved.eu/insight/die-leugnung-des-russischen-imperialismus-im-faktencheck/
Der im Artikel behandelte Podcast zum Nachhören (Juni 2026):
https://streitwert.podigee.io/23-22-matthias-strolz-uber-die-wut-der-gesellschaft-verkrustete-strukturen-und-neue-wege

Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
