Der unterschätzte Einfluss der sowjetischen Propaganda auf die Gegenwart
Russische Propaganda wird heute fälschlich als reines Social-Media-Phänomen wahrgenommen. Die alten Methoden werden aber nicht nur auch heute noch genutzt, darüber hinaus wirken Kampagnen aus dem Kalten Krieg in den westlichen Köpfen bis in die Gegenwart nach.
Ein Satz, den man immer wieder hören kann, wenn jemand, was ohnehin selten ist, sich mit sowjetischer Propaganda in Richtung Westen, bzw. der sogenannten “Aktiven Maßnahmen” befasst hat: “die haben damals schon gemacht und heute ist es eben Social Media”. In diesem Satz stecken gleich zwei Wahrheiten und trotzdem ist er geradezu gefährlich verkürzt. Ja, es ist richtig, sie haben damals schon gemacht. Es ist auch richtig, dass heute Manipulation und Beeinflussung über Social Media eine riesige Rolle spielt. Aber was immer wieder vergessen wird: Die Methoden der traditionellen “Aktiven Maßnahmen” wurden durch digitale Operationen (Websites, Social Media Bots, Trolle, Cyberangriffe) nicht ersetzt, sondern eben nur ergänzt. Zu den sowjetischen “Aktiven Maßnahmen” gehörten schon im Kalten Krieg neben Desinformation auch der Einsatz von Frontorganisationen und die gezielte Beeinflussung westlicher Debatten.
Der Kreml setzt weiterhin auf den Versuch traditionelle Medien zu beeinflussen (z.B. durch Aussendungen, Einschüchterungen, Multiplikatoren bei False Balance Panels). Apropos Multiplikatoren, ob man diese nun Einflussagenten oder nützliche Idioten nennen mag, oder es darüber differenziert, ob die Person bezahlt oder unbezahlt, mit Vorteil oder ohne Vorteil, bewusst oder unbewusst sich zum Sprachrohr Russlands macht, ist eine Definitionsfrage. Geht man nach dieser Definition, kann man davon ausgehen, dass es leider Millionen von “nützlichen Idioten” im Westen gibt und die Frage, wie viele sogenannte Einflussagenten, Multiplikatoren, die mehr oder weniger von ihrer Kremlpropaganda profitieren, es gibt, müssen wir von vielen tausenden Personen ausgehen. Genau diese Taktik, sich westliche Fürsprecher zu suchen, zu kultivieren, die nicht nur Einfluss, sondern auch Glaubwürdigkeit genießen, geht auch auf den Kalten Krieg zurück und hat nichts an Relevanz eingebüßt. Diese Fürsprecher wirken dann vor unterschiedlichem Publikum, durch Veranstaltungen, Fernsehauftritte, bei Hintergrundgesprächen und natürlich Online. Wer aber glaubt, dass es heute nur noch um Unterstützung für sogenannte “Influencer” geht, irrt. Eine große Rolle spielen nach wie vor Personen aus der Wissenschaft, Buchautoren, aber auch die Friedensbewegung. Bereits ab 1949 setzte die Sowjetunion in großem Stil auf internationale Friedenskampagnen, um öffentlichen Druck gegen die westliche Aufrüstung zu erzeugen.
Dabei geht es allerdings heute längst nicht nur mehr um Russland, auch China und sogar der Iran setzen auf “westliche Stimmen”, um Einfluss zu erweitern. Aber auch etwas rustikalere Methoden, die eigentlich an Guerilla Marketing erinnern, haben ihren Ursprung im Kalten Krieg. Mehrere Medien berichteten seit 2022 über Besprühungen im öffentlichen Raum, einen Schweinskopf vor einer Moschee, Davidsterne in jüdischen Pariser Vierteln, angeblich “proukrainische” extremistische Symboliken.
Diese Taktik wurde bereits im Kalten Krieg angewandt, als der sowjetische Geheimdienst bei der sogenannten “Hakenkreuz-Epidemie” seine Finger im Spiel hatte, weil erkannt wurde, dass die Annäherung von Berlin und Paris durch ein Deutschland, das immer noch als “Naziland” gesehen wird, sabotiert werden würde.
Egal ob Bücher, Interviews, Rekrutierung von Fürsprechern, Infiltrierung von Veranstaltungen, Einflussoperationen auf Lehrpläne, angeblicher “Friedensaktivismus”, Russland und die Partner der antiwestlichen Achse nutzen selbstverständlich alle traditionellen Möglichkeiten der Beeinflussung und Destabilisierung weiterhin aus und stehen dabei keinesfalls im Widerspruch zu modernen Technologien, denn diese ermöglichen günstig enorme Reichweiten, für Inhalte, die in der Offline-Welt entstanden sind.
Ausschnitte eines Talkshowauftritts prorussischer Persönlichkeiten werden im Web auf und abgeteilt und man ist nicht mehr auf Medien angewiesen, ist das gezielt platzierte Graffiti im öffentlichen Raum für eine große Zielgruppe sichtbar zu machen.
Was völlig übersehen wird: die Propaganda des Kalten Krieges wirkt nach
Nach Ende des Kalten Krieges geraten die sogenannten “Aktiven Maßnahmen” der Sowjetunion rasch in Vergessenheit. Teilweise machte sich eine irrationale “Dankbarkeit” breit, wie friedlich sich die Sowjetunion doch aufgelöst hätte und die Satellitenstaaten in unendlicher Großzügigkeit in die Freiheit entlassen hätte. Eine Aufarbeitung der sowjetischen Propaganda und ein “Kassensturz”, wie stark er Bevölkerung und Eliten im Westen beeinflusst hatte, blieb aus. Die moskauzentrierte Sicht auf die gesamte Region Osteuropa und Eurasien verblieb. Der russische Imperialismus blieb ein Nischenthema. Die wieder unabhängigen Länder, ehemals von Moskau besetzten Sowjetrepubliken wurden von vielen im Westen, von Academia bis zu Medien durch die russische Brille betrachtet. Russland ist jetzt unser Freund, nur nicht provozieren. Eine Westintegration dieser Länder wurde skeptisch beäugt, selbst den NATO-Beitritt der baltischen Staaten sehen manche als Gründe für die russische Aggression gegen die Ukraine. Noch 1987 ordnete das sowjetische Politbüro Maßnahmen gegen die wachsende internationale Unterstützung für die Unabhängigkeit der baltischen Republiken an, bei denen der KGB eine zentrale Rolle spielte.
Warum aber gab es diese verdrehte Sicht auf die Dinge im Westen überhaupt? Einer der Gründe dafür ist die Moskauer Propaganda, die eben nicht nur in die Gegenwart, sondern auch aus der Vergangenheit wirkt und in ihren Narrativen relativ konstante Botschaften sendet: “die NATO ist aggressiv, wir sind defensiv”. “Der Westen lügt, betrügt, ist schuldig”. “wir vertreten den globalen Süden (früher 3. Welt)”, “Aufrüstung (Nachrüstung) in Westeuropa sind Kriegsvorbereitungen”, “der Westen verhindert den Frieden” usw. sind Narrative, die im Kalten Krieg wie jetzt im Sinne des Kremls wirken. Diese Narrative haben ganze Generationen entweder zutiefst geprägt oder zumindest “gestreift”.
Um es simpler auf den Punkt zu bringen: Viele aus der alten Friedensbewegung, die sich gegen NATO-Aufrüstung stark machten, die Sowjetunion verharmlosten, setzen sich heute gegen Waffenunterstützung für die Ukraine ein, inklusive gegen die Lieferung lebenswichtiger Flugabwehrsysteme. All das ist kein Zufall und lässt sich durch eine für viele prägende Beeinflussung in der Jugend erklären. Man weiß, dass die Sowjetunion, aber auch der DDR und tschechoslowakische Geheimdienst massive Einflussoperationen in Richtung deutschsprachigen Raum durchgeführt haben. Dazu gehörte auch die Beeinflussung, Infiltration und Instrumentalisierung der sogenannten Friedensbewegung. Dokumente aus ehemaligen Geheimdienstarchiven haben nach dem Ende des Kalten Krieges zahlreiche dieser Einflussoperationen detaillierter nachvollziehbar gemacht.
In Deutschland gab es im Gegensatz zu Österreich zumindest eine teilweise Aufarbeitung und Einordnung der 80er Friedensbewegung, wenn es auch immer noch eine romantisierende Verklärung gibt. Anders in Österreich, wo es beinahe kaum Kritik an der Friedensbewegung der 80er Jahre gibt, die im militärisch neutralen Österreich als beinahe völlig unumstritten gilt (im Gegensatz zur neuen Friedensbewegung, die sich seit der Krim-Annexion 2014 formiert hat und zu Querfronttendenzen neigt).
Fazit:
Russland verwendet nicht nur weiterhin Sowjetmethoden der Beeinflussung, sondern kann auch auf eine umfangreiche, dankbare, bereits im Kalten Krieg erfolgreich beeinflusste Zielgruppe im Westen setzen, die Botschaften auch weiterverbreitet. Diese damals noch jugendlichen, studentischen Personen, die mit Anti-NATO-, Anti-USA- und moskaufreundlichen Narrativen gefüttert wurden, sind in manchen Fällen in wichtige, einflussreiche Positionen gekommen. Nach der Annexion der Krim 2014 und den darauffolgenden Diskurs wurde deren Kompass aus dem Kalten Krieg “der Westen ist aggressiv gegenüber Moskau” reaktiviert. Dieser Faktor wird leider immer wieder in zeitgenössischen Analysen über russische Einflussnahme bzw. die Prävalenz russischer Narrative ignoriert. Möglicherweise weil es leichter, bequemer und sicherer ist, sich mit anonymen Trollen auseinanderzusetzen als mit realen Menschen, die unter uns leben.
Weiterführende Links:
SWR Kultur, 2023 (aktualisiert 2025): Michael Hänel, Wie russische Einflussnehmer die deutsche Friedensbewegung unterwanderten.
https://www.swr.de/swrkultur/wissen/wie-russische-einflussnehmer-die-deutsche-friedensbewegung-unterwanderten-102.html
Profil, 2022: Christa Zöchling, Friedensbewegung: Der Feind stand im Westen – über die österreichische Friedensbewegung der 1980er-Jahre.
https://www.profil.at/oesterreich/friedensbewegung-der-feind-stand-im-westen/401937793
YouTube: Video zum Themenkomplex sowjetische/russische Propaganda und Einflussnahme.
https://youtu.be/O1nPhmezOIM?t=1680
YouTube: Video zum Themenkomplex sowjetische/russische Propaganda und Einflussnahme.
https://www.youtube.com/watch?v=97EqksvEQIQ&t=481s
YouTube: Video zum Themenkomplex sowjetische/russische Propaganda und Einflussnahme.
Air University / Air & Space Power Journal, 2022: Buchbesprechung zu Thomas Rid, Active Measures: The Secret History of Disinformation and Political Warfare.
https://www.airuniversity.af.edu/ASPJ/Book-Reviews/Article/3143126/active-measures-the-secret-history-of-disinformation-and-political-warfare/
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Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
