“Richtungswechsel” in Serbien Wunschdenken?
Ist die Niederlage Vučićs auch ein Rückschlag für Putin und ein Sieg für die Europäische Union? Die Aussagen der Wahlgewinner und die Reaktionen aus Russland lassen Zweifel an dieser weitverbreiteten Vorstellung aufkommen.
Bei der serbischen Parlamentswahl am 25. Oktober ging die Studentenliste “Studentska lista – Studenti pobeđuju” mit rund 53 % der Stimmen als Wahlsieger hervor und läutete das Ende der Ära Vučić ein.[1] Die politisch heterogene Studentenbewegung, die sich als Reaktion auf den Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad am 1. November 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, gebildet hat, war weniger aus außenpolitischen als aus innenpolitischen Motiven auf die Straßen geströmt. Die Protestbewegung war bereits damals in weiten Teilen EU-skeptisch, es gab sogar Fälle, in denen Personen mit EU-Fahnen aggressiv von der Teilnahme ausgeschlossen wurden.
Unmittelbar nach dem Wahlsieg der Studentenliste konnte man immer wieder hören, dass “Putin” verloren hätte, was suggeriert, dass mit dem Abgang von Vučić eine Art “Wende” in der serbischen Politik eintreten würde. Möglicherweise passierte dies in der Fehlannahme, dass die Außen- und Europapolitik des Balkanstaats auf einer Person bzw. dessen Regime basieren würde und sich mit einer neuen Regierung automatisch ändern würde. Tatsächlich lassen die Wahlgewinner nun zumindest erhebliche Zweifel an diesen Wunschvorstellungen aufkommen.
Die Anerkennung des Kosovo wird ausgeschlossen, auch die EU-skeptische Haltung besteht, man wolle aber ein Referendum über den EU-Beitritt abhalten.[2] Bei einem Interview kurz nach dem Wahlsieg bei dem russischen (in der EU gesperrten) Propagandasender RT Balkan sagte Jovo Bakić, Soziologe, Universitätslektor und Vertreter der Studentenliste: “Wir respektieren Russland sowohl als Großmacht als auch als unseren historisch wichtigen Partner und in vielen Fällen als Beschützer. Daran wird sich nichts ändern.” Er spricht sich in dem Interview auch gegen Sanktionen aus und will sich in Energiefragen nichts aus dem Ausland (er meint in dem Zusammenhang wohl die EU) sagen lassen.[3] Das RT-Interview wurde von dem einschlägig bekannten Staatspropagandisten Wladimir Solowjow aufgegriffen und in der Show “Solovjov Live” dem russischen Publikum gezeigt.Auch Vladan Kuzmanović, ehemaliger Dekan der Universität Belgrad und Kandidat der Studentenliste, äußerte sich gegenüber RT Balkan.
UPDATE 27.10.2026: In einer früheren Version eines Reuters-Artikels war davon die Rede, dass die Studentenliste sämtliche Waffenlieferungen in Kriegsgebiete einstellen würde, auch über Zwischenstationen. Das würde insbesondere indirekte Waffenlieferungen an die Ukraine betreffen. Dieser Absatz wurde im Reuters-Artikel inzwischen korrigiert.
[4]
Das ausdrücklich proeuropäische Bündnis “European Serbia”, das sich für einen EU-Beitritt einsetzt und Russland-Sanktionen befürwortet, trat nicht gemeinsam mit der Studentenliste an und erhielt nur 0,3 % der Stimmen.
Der kremlfreundliche Oligarch Konstantin Malofejew, der kürzlich gefordert hatte, dass man Kernwaffen (mit 72 Stunden Vorwarnzeit) gegen Ziele in der Ukraine einsetzen solle, nahm den Wahlsieg der Studentenliste positiv auf: Er sprach von einem “historischen Urteil über das Regime von Vučić” und erklärte, dass die Ära der politischen Heuchelei und Doppelzüngigkeit zu Ende gehe. In der Bewegung befänden sich “echte serbische Patrioten und treue Freunde Russlands”. Er schließt mit den Worten: “Glückwunsch zum Sieg, Brüder! Kosovo ist Serbien, die Krim ist Russland!”[5] Ob das wirklich das Ende der “Doppelzüngigkeit” der serbischen Politik bedeutet oder auch bei Malofejew Wunschdenken eingesetzt hat, wird die Zukunft zeigen.
Links:
[1] Serbische Wahlkommission (RIK), 26. Oktober 2026.
[2] Foreign Policy Forum
https://fpf.hr/analysis/serbias-foreign-policy-and-national-security-in-the-students-list-programme/
[3] Kyiv Post, 26. Oktober 2026. “Vučić Out, Students In: Still, No Sanctions Against Russia”.
https://www.kyivpost.com/post/88219
[4] REUTERS, 26. Oktober 2026.
https://www.reuters.com/world/serbias-new-leaders-face-host-tough-challenges-2026-10-26/
[5] Konstantin Malofejew, Telegram-Posting, abgerufen am 26. Oktober 2026 (https://t.me/s/kvmalofeev)

Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
