Ganz links, ganz rechts, ganz widersprüchlich – ein Kommentar
Dieser Kommentar ist eine Ergänzung zu dem Artikel „Höhepunkte der Querfront“ und soll die Widersprüche in weiten Teilen der extrem linken und rechten Ecke verorteter Personen und deren Weltbild beschreiben. Selbstverständlich soll nicht generalisiert werden; es gibt immer wieder auch Personen, die andere Weltbilder pflegen oder auf diese Problematiken und Widersprüche, wie sie im Kommentar beschrieben werden, selbst hinweisen.
Die einen tun so, als ob sie unsere Zivilisation verteidigen würden, die anderen negieren, dass sie überhaupt verteidigungswürdig wäre. Einig ist man sich, sofern in der Querfront vereint, dass der KGB-Agent im Kreml unbedingt hofiert werden müsse und dass das wahre Problem die „Kriegstreiber in Brüssel“ seien. Einig ist man sich auch, egal wie man zu Trump und Orbán grundsätzlich steht, dass deren Konfrontationskurs gegenüber Selenskyj berechtigt sei und „zum Frieden führen kann“.
Zurück zu Putin: Nur zum Mitschreiben: Wir haben also Personen, die sich selbst als rechts bezeichnen (meist allergisch auf Zuschreibungen wie rechtspopulistisch oder rechtsextrem reagieren), aber den KGB-Agenten im Kreml, der sowjetische Symbolik bis hin zu Stalin wieder salonfähig gemacht hat, als ungefährlich für Westeuropa bezeichnen?
Umgekehrt haben wir Linke, die einen Kreml-Reaktionär relativieren, der nicht nur Homophobie zur Staatsdoktrin erhoben hat, Krieg gegen ein europäisches Land führt und europäische Rechtspopulisten in ihrem Kampf gegen das „dekadente Europa“ und die „Brüsseler Diktatur“ nicht nur moralisch, sondern auch propagandistisch und finanziell unter die Arme greift. Es war schon im kalten Krieg absurd, wenn angebliche „Progressive“ und „Alternative“, ausgerechnet die Sowjetunion als Partner betrachteten, bedenkt man wie reaktionär dieses Regime auch gesellschaftspolitisch war.
Wäre diese absurde Verneigung vor dem modernen Russland nicht schon genug, erleben wir ähnliche Phänomene auch in Bezug auf China. Verwirrte Linke glauben, ausgerechnet im modernen China einen Pol gegen den „westlichen Imperialismus und Neoliberalismus“ zu erkennen; Rechtspopulisten verorten ein ökonomisches Partnerland, das man nicht vergrämen darf, mit „gutmenschlicher Rhetorik über Menschenrechte“. Beide Seiten verwenden abwertend den Begriff „Wertewesten“ unter Anführungszeichen und orientieren sich meist an politischen Führern, unter denen sie nicht leben müssen.
Wir sehen selbsternannte „Patrioten“, die erstaunlich viel Empathie für einen Kreml-Herrscher empfinden, der nicht nur die Ukraine konventionell, sondern halb Europa hybrid angreift. Schaut so die Verteidigung des Abendlandes aus?
Keine Empathie oder gar Solidarität gibt es für die, die sich in der Ukraine vor einem imperialistischen Krieg verteidigen, zur Erhaltung ihrer Grund- und Menschenrechte, aber auch ihrer Heimat und Identität, die in diesem Fall tatsächlich vor der Auslöschung bedroht sind.
Damit ist es freilich noch nicht getan mit den Widersprüchen, die so zahlreich sind wie die Lügen, die wir seit Jahrzehnten von den politischen Rändern hören.

Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
