In Memoriam Victoria Amelina
Zu Neujahr 2026 wäre die Schriftstellerin Victoria Amelina 40 Jahre alt geworden. Sie starb am 1. Juli 2023 an den Folgen ihrer Verletzungen, die sie im Zuge ihrer Recherchen bei einem russischen Raketenangriff auf eine Pizzeria in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk erlitten hatte, als sie beim Essen mit einer Delegation aus Kolumbien war.
In Kolumbien gab sie bei einer Reise ein Interview, in dem sie die Herausforderungen beschrieb, gegen russische Propagandanarrative anzukämpfen, speziell in Regionen weit weg von Europa. Sie beschrieb, dass sie überrascht von der Unterstützung in Kolumbien war, weil man allgemein davon lesen konnte, dass viele russischer Propaganda folgen. Sie beantwortete die Frage, wie man die Ukraine unterstützen kann, unter anderem auch damit, dass jeder darüber aufklären kann, auch im jeweiligen persönlichen Umfeld, was in der Ukraine passiert und wie wichtig die Unterstützung der Sanktionen ist, auch aus Lateinamerika.
Die in Wien lebende ukrainische Schriftstellerin und Literaturkritikerin Hanna Hnedkowa erzählt über ihr persönliches Treffen mit Victoria Amelina auf dem Propysy Festival 2021 in Iwano-Frankiwsk, dass es ihr ein Anliegen war, dass junge Literaten sich gegenseitig in ihrer Arbeit vernetzen und unterstützen sollen.
Hnedkowa führt im Gespräch mit INVED weiters aus: „Als die Region um Isjum in der Oblast Charkiw zurückerobert wurde, fand man ein Massengrab. Darin befand sich unter der Nummer 319 die Leiche des ukrainischen Kinderbuchautors Volodymyr Vakulenko. Die Kinderbuchautorin Victoria Amelina reiste dorthin, um das Tagebuch des Autors zu finden, das er, soweit seine Eltern wussten, während der russischen Besatzung geführt und unter einem Sauerkirschbaum vergraben hatte. Es ist ihr gelungen, und das Tagebuch wurde unter dem Titel „Ich verwandle mich” auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Im Vorwort schrieb Amelina, dass sie beim Finden des Tagebuchs das Gefühl hatte, die Geschichte wiederhole sich und sie sei erneut Zeugin der “Erschossenen Renaissance” der ukrainischen Kultur geworden. Als „Erschossene Renaissance” oder „Hingerichtete Wiedergeburt” bezeichnet man die 1920er bis 1930er Jahre, in denen hunderte ukrainische Kulturschaffende von den Sowjets hingerichtet wurden. So wurde sie von der Zeugin zur Opferin der wiederholten Hinrichtung der ukrainischen Kultur. Das von den ukrainischen Autoren Olesja Herasymjuk und Jevhen Lir ins Leben gerufene Projekt „nedopysani” (zu Deutsch: „nicht fertiggeschrieben”) sammelt die Biografien ukrainischer Kulturschaffender, die im russischen Krieg gegen die Ukraine gestorben sind. Am 16. Oktober 2025, als das Projekt seine Ergebnisse auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte, waren es insgesamt 263 Namen, darunter auch Victoria Amelina. Leider kann man am 1. Januar 2026 von einer gestiegenen Zahl sprechen.“
Ihr Gedicht „Alarm“ beschreibt nicht nur den Alltag der unkalkulierbaren Angst russischer Raketenangriffe, sondern auch prophetisch das eigene Schicksal, das sie 2023 so hart getroffen hat.
„Alarm
Luftalarm im ganzen Land
als würden alle gleichzeitig zur Erschießung
geführt,
dabei nur auf einen gezielt,
meistens auf den am Rande.
Heute bist das nicht du. Entwarnung.“
Aus dem Ukrainischen von Chrystyna Nazarkevyč
Amelina war Mitglied im internationalen Autorenverband „PEN“. Neulich ist eine weitere deutsche Übersetzung beim Friedrich Mauke Verlag erschienen – Victorias Roman “Ein Zuhause für Dom”, übersetzt von Jutta Lindekugel.
Links
1) Interview mit Victoria Amelina in Kolumbien: https://www.youtube.com/watch?v=epUabqXs_iU&t=172s
2)Ukrainian Author Victoria Amelina Posthumously Wins 2025 Moore Prize for Human Rights Writing“ https://united24media.com/latest-news/ukrainian-author-victoria-amelina-posthumously-wins-2025-moore-prize-for-human-rights-writing-14848
