Medienkompetenz und ihre Grenzen
Der Begriff Medienkompetenz wird im Diskurs meist nur vereinfacht auf die Fähigkeit begrenzt, “Fake News”, Desinformation und betrügerische Inhalte zu erkennen und diese, auch im Sinne der eigenen Reputationspflege, nicht weiterzuverbreiten.
Ein weiterer Einsatz des Begriffs erfolgt in Hinblick auf die Fähigkeit, Quellen, z. B. obskure Websites, verschwörungstheoretische Plattformen oder Staatsmedien autoritärer Regime, als solche zu erkennen und entsprechend zu bewerten. Treffen wir im Diskurs und im pädagogischen Umfeld auf den Begriff Medienkompetenz, geht es auch fast immer relativ ausschließlich um den kritischen Umgang mit Social Media und digitalen Medien. Diese Verkürzung greift zu kurz und blendet zentrale Aspekte öffentlicher Kommunikation aus. Dabei wird oft übersehen, dass auch klassische Medien Teil dieses Problems sein können, wenn auch in geringerem Ausmaß als Social Media, wobei im Vergleich zu früher leider zunehmend die kritische Einordnung entfällt.
Medienkompetenz ist mehr als nur “Sei vorsichtig auf Social Media”.
Der leider bereits 1999 verstorbene Erziehungswissenschaftler Dieter Baacke definierte Medienkompetenz als pädagogisches Konzept in vier Säulen: Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Medienkompetenz versteht sich also nicht nur als “kritisches Nutzen”, “Fehlervermeidung” und eine permanente Guideline an Warnungen, sondern hat auch produktive Dimensionen, z. B. wie Medien technisch funktionieren, aktiv oder passiv genutzt oder sogar weiterentwickelt werden können.
Auf der Website des bereits seit über 20 Jahren vergebenen Dieter-Baacke-Preises kann man die unterschiedlichen Dimensionen der Medienkompetenz Baackes Definition gemäß nachlesen. Medienkompetenz war ursprünglich als emanzipatorisches Werkzeug gedacht, nicht als bloße Verhaltensregel.
Auf den modernen Alltag gemünzt geht es also laut Definition bei Medienkompetenz nicht nur um wichtige Dinge wie das Erkennen fragwürdiger Quellen, den guten Ratschlag, nicht aus der Emotion heraus Inhalte ungeprüft zu teilen oder die Erinnerung daran, dass auch das Internet kein rechtsfreier Raum ist. Medienkompetenz befähigt auch, moderne Technologie zu nutzen, die Vorteile daraus zu erkennen und vielleicht sogar innovative, neue Konzepte zu entwickeln.
Auf der Website “oesterreich.gv.at” wird Medienkompetenz in den Dimensionen “technische Fähigkeiten”, “kritische und selbstbestimmte Nutzung” sowie “aktives Kommunizieren” zusammengefasst. Soweit so richtig, was aber auffällt, ist, wie unter dem Punkt “aktives Kommunizieren” steht: “Damit ist die Fähigkeit gemeint, das Internet über einen passiven Konsum hinaus als ‘Sprachrohr’ nutzen zu können.” Wieder wird zumindest ein Teil der Medienkompetenz auf das Internet beschränkt. Noch klarer wird diese Beschränkung auf der Website des Bundeskanzleramts selbst: “Medienkompetenz ist in unserer digitalen Gesellschaft eine entscheidende Schlüsselfähigkeit. Ob im Beruf, in der Schule, in der Freizeit oder unterwegs – digitale Medien sind unsere ständigen Begleiter. Medienkompetenz befähigt dazu, digitale Medien selbstbestimmt, verantwortungsbewusst und kritisch zu nutzen.”
Das Bundeskanzleramt hat 2024 auch einen Flyer zum Thema Desinformation publiziert. Auch in diesem wird praktisch ausschließlich auf digitale Medien eingegangen. Was auch auffällt, ist, dass weder Russland noch China, trotz der massiven Angriffe auf unseren Informationsraum, erwähnt werden. Positiv ist allerdings anzumerken, dass die Plattform EUVsDisinfo verlinkt wurde, eine EU-Initiative, die auf russische Einflusskampagnen und Debunking von Kreml-Fakes spezialisiert ist.
Medienkompetenz als Mittel gegen Desinformation, Propaganda und Foreign Interference?
Die Art, wie wir – das betrifft insbesondere, aber nicht nur Österreich – derzeit Medienkompetenz, aber auch generell das Thema “Fake News” im pädagogischen Kontext behandeln, ist in den meisten Fällen ungenügend und kann sogar kontraproduktiv sein, um Resilienz gegenüber Angriffen autoritärer Mächte im Informationsraum zu entwickeln. Wenn man nach Estland, Litauen, Lettland oder auch nach Finnland schaut, sieht man Beispiele, wie Medienkompetenz und der Kampf gegen Desinformation den Elefanten im Raum klar benennen: Russland und andere autoritäre Mächte. Wer Desinformation nur als internes Bildungsproblem behandelt, ignoriert ihre strategische Funktion in internationalen Konflikten. Trollfarmen, Einfluss- und Wegwerfagenten, Unterwanderung, ideologische Subversion und der Begriff hybride Kriegsführung sind alles Themen, die bisher leider dem Sicherheitsdiskurs vorbehalten sind, anstatt dass sie in den Schulen diskutiert werden. Das ist schlecht, Medienkompetenzvermittlung muss Zähne zeigen.
In Österreich wird ausgerechnet dieses hochpolitische Thema Desinformation um die internationale Dimension und die Rolle der Diktaturen dieser Welt beschnitten.
Es ist auch erstaunlich, dass mit der richtigen Erkenntnis, dass Social-Media-Plattformen eine Herausforderung darstellen, ein de facto Umdenken eingesetzt hat, nach dem Medienkompetenz plötzlich überhaupt nur noch ein Begriff für unseren Umgang mit digitalen Medien ist. Dabei wäre es wichtig, sich auch damit zu beschäftigen, dass Zeitungskommentare keine journalistische Qualität haben müssen, bei Talkrunden nicht nur seriöse Akteure zu Wort kommen und wir es leider immer wieder erleben, dass Presseaussendungen des russischen Regimes und anderer autoritärer Mächte es ohne weitere Einordnung in unsere etablierten Medien schaffen.
Empfehlung:
Es braucht einen klaren fächerübergreifenden Ansatz, der die geopolitische Dimension der internationalen Desinformationskampagnen einbezieht. Man muss klar benennen, dass autoritäre Regime, egal ob offen propagandistisch oder subtil beeinflussend, Kommunikation als strategische Waffe nutzen. Kritische Mediennutzung darf auch nicht auf das Internet beschränkt sein. False-Balance-Talkrunden im Fernsehen, verschwörungstheoretische Bücher, egal ob zu Covid-19 oder zur internationalen Politik, müssen Thema sein. Der Ansatz, dass Propaganda ein reines Social-Media-Phänomen wäre, lässt die Aufmerksamkeit bei anderen Kanälen, die aber nach wie vor Ziel der sogenannten “aktiven Maßnahmen” autoritärer Regime sind, schwinden. Phänomene wie “Wegwerfagenten”, propagandistisch motivierte Travel-Influencer, bezahlte Einflussnehmer oder Sabotage sind Themen, die fächerübergreifend behandelt und diskutiert werden sollten. Ohne die Benennung der Akteure, der Narrative und Strategien autoritärer und extremistischer Mächte bleibt Medienkompetenz gut gemeint, aber im Sinne der Resilienzbildung zahnlos.
Nachtrag:
Es ist unbestritten, dass der digitale Raum das “Hauptschlachtfeld im Informationskrieg” ist, obgleich auch viele problematische Inhalte dort ihren Ursprung in der Offline-Welt haben.
Ebenso ist es verständlich, dass es sich bei politischen Einordnungen im Unterricht mit Schülerinnen und Schülern, auch wenn es um internationale Politik geht, um eine hochsensible Angelegenheit handelt. Während aber autoritäre Regime täglich ihre Schülerinnen und Schüler gegen die demokratische Welt propagandistisch aufhetzen, wird im deutschsprachigen Raum nicht einmal über diese Zustände aufgeklärt. Dieser pseudoneutrale, falsch verstandene “wertfreie” Erklärungsansatz trug zu einer systematischen Verharmlosung von Diktaturen und totalitären Mächten bei.
- https://www.latimes.com/world-nation/story/2026-01-13/finnish-children-learn-media-literacy-at-age-3-its-protection-against-russian-propaganda
- https://www.theguardian.com/world/2020/jan/28/fact-from-fiction-finlands-new-lessons-in-combating-fake-news
- Medienkompetenz Bundeskanzleramt
https://www.bundeskanzleramt.gv.at/agenda/jugend/medien-und-information/medienkompetenz.html
- Flyer “Desinformation” des Bundeskanzleramts
https://www.bundeskanzleramt.gv.at/dam/jcr:50b2db5e-3457-4b58-bd67-d98f266cdd9b/flyer_desinformation_ueuw.pdf - Tipps für Lehrende zur Medienerziehung – Was ist Medienkompetenz
https://www.oesterreich.gv.at/de/themen/onlinesicherheit_internet_und_neue_medien/internet_und_handy___sicher_durch_die_digitale_welt/4/Seite.1720901
Flyer Desinformation vom Bundeskanzleramt
https://www.bundeskanzleramt.gv.at/dam/jcr:50b2db5e-3457-4b58-bd67-d98f266cdd9b/flyer_desinformation_ueuw.pdf
