Strohmann Argumente als Propagandatool und Diskursverzerrer
Unter einem Strohmann Argument versteht man die Manipulationstechnik, die Einstellung beziehungsweise Position des Gegenübers zu verzerren oder vereinfacht und radikalisiert darzustellen.
So wird aus der Forderung nach einer Erhöhung des Wehretats europäischer Streitkräfte die „Vorbereitung für den Russlandfeldzug“. Personen, die Maßnahmen gegen Covid-19 grundsätzlich befürworteten, wurde unterstellt, sie würden „alles unkritisch abnicken, was die Regierung beschließt“, und wer Maßnahmen für den Klimaschutz befürwortet, bekommt möglicherweise zu hören, dass er „Autos verbieten will“.
Ein weit verbreiteter Strohmann rund um den Nahostkonflikt ist die Behauptung, „man dürfe Israel ja nicht kritisieren, weil man dann gleich als antisemitisch gilt“. Tatsächlich, und das zeigen auch die vielen differenzierten Positionen, die es in Israel selbst gibt, kann natürlich Israel wie jeder andere Staat auch kritisiert werden. Wenn aber der Strohmann immer dann zum Einsatz kommt, wenn Israel gerade das Existenzrecht abgesprochen wird, Terror relativiert, geleugnet, gerechtfertigt oder gar gefeiert wird – was ebenso mit der Shoah passiert – und antisemitische Stereotype im Hinblick auf Israel verwendet werden, kann man diesen Strohmann nur als das Propagandatool entlarven, das er ist: ein Versuch, Kritik am israelbezogenen Antisemitismus zu untergraben.
In Zeiten wie diesen, wo dank Social Media fast jeder nicht nur Rezipient, sondern auch Kommunikator ist, gibt es natürlich kaum etwas, das es nicht gibt. Also können Strohmänner von vielen Seiten kommen. Da kann es auch vorkommen, dass objektive Kritik fälschlich als Antisemitismus gelabelt wird, aber eben nicht immer, nicht strukturell oder generell. Nicht jede „Kritik an der Kritik“ beinhaltet auch den Vorwurf, dass es sich um Antisemitismus gehandelt hätte.
Auch in der Pandemie mag es kritische Personen gegeben haben, die einen weiteren Lockdown oder die Impfpflicht in Frage stellten und zu Unrecht der verschwörungstheoretischen „Impf- und Maßnahmengegnerszene“ zugeordnet wurden, aber auch nicht immer, nicht generell oder strukturell. Trotzdem ist jeder Strohmann, egal von welcher Seite er kommt, einer zu viel für eine sachliche, evidenzbasierte Diskussion.
Ein funktionierender Diskurs lebt von Differenzierung und der Bereitschaft, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, statt sie zu karikieren. Strohmänner zerstören diese Grundlage, weil sie Vertrauen und Gesprächskultur untergraben. Sie vereinfachen komplexe Themen oder verkomplizieren klare Sachverhalte, bis es nicht mehr um Erkenntnis, sondern um “Diskursdominanz” geht. Besonders gefährlich wird das, wenn solche Mechanismen gezielt von politischen Akteuren oder Medienkampagnen genutzt werden, um öffentliche Wahrnehmung zu steuern. Der Strohmann wird dann zum Instrument der Meinungsbildung und trägt dazu bei, Polarisierung und Misstrauen zu vertiefen.
Reiseinfluencer nutzen Strohmänner für antiwestliche Propaganda
Wenn westliche Travel-Influencer die Diktaturen ihrer Wahl bewerben, dienen ihnen Strohmänner meist als Teaser. „China ist arm“, „gefährlich“, „unfreundlich“, „technologisch rückschrittlich“ – „so erzählen es uns die westlichen Medien, ich erzähle euch die Wahrheit“. Dann werden Gegenthesen gezeigt. Dieses Schauspiel wiederholt sich auch bei prorussischen Influencern, die stolz volle Supermarktregale abfilmen und suggerieren, dass westliche Medien und Politiker behauptet hätten, in Russland seien keine Produkte mehr verfügbar.
Auch hier ist der Mechanismus derselbe: Es wird ein vermeintliches westliches Vorurteil konstruiert, um sich dann als mutige Gegenstimme zu inszenieren. Der Strohmann dient als Bühne für Selbstinszenierung und Reichweitensteigerung, nicht für Aufklärung. Dadurch wird der Eindruck erweckt, als gäbe es eine „unterdrückte Wahrheit“, die man dem Publikum exklusiv enthüllt. In Wirklichkeit reproduzieren solche Narrative nur alte propagandistische Muster, die darauf abzielen, Misstrauen gegenüber westlichen Demokratien zu schüren.

Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
