40 Jahre Tschornobyl: Wie die sowjetische Propaganda eine Katastrophe noch schlimmer machte
Am 26. April 2026 jährt sich die Katastrophe von Tschornobyl zum 40. Mal. Auslöser war ein fehlgeschlagener Sicherheitstest im Reaktor 4 des Kernkraftwerks in Kombination mit Konstruktionsmängeln. Denn auch technisch war der eingesetzte Reaktortyp problematisch: Der RBMK reactor wies konstruktive Schwächen auf, darunter einen positiven Dampfblasenkoeffizienten, der unter bestimmten Bedingungen zu einer gefährlichen Leistungssteigerung führen konnte. Zusätzlich verfügte dieser Reaktortyp über keine vollwertige Containment-Struktur, wie sie bei vielen westlichen Reaktoren Standard ist. Diese Kombination aus Konstruktionsmängeln und Fehlentscheidungen im Betrieb trug wesentlich zur Eskalation des Unfalls bei.
Aufgrund des totalitären und intransparenten Charakters des Sowjetregimes lässt sich die Anzahl der Opfer nicht genau bestimmen, die Auswirkungen sind noch heute spürbar, speziell in der Ukraine und Belarus. In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 kam es zur Explosion und zum offenen Brand des Reaktors. Große Mengen radioaktiver Stoffe wurden freigesetzt und über weite Teile Europas verteilt. Erst zwei Tage später, am 28. April 1986, wurden erhöhte Strahlenwerte auch außerhalb der Sowjetunion festgestellt, unter anderem im Sweden beim Kernkraftwerk Forsmark Nuclear Power Plant, was schließlich internationalen Druck auf die sowjetische Führung auslöste. Es war zudem nicht der erste Nuklearunfall, der von der sowjetischen Führung vertuscht wurde. Ein bekanntes Beispiel ist das Kyshtym disaster, das sich 1957 in der Nuklearanlage Majak nahe der heute geschlossenen Stadt Oserk (Ozyorsk) im Ural ereignete. Dabei explodierte ein Tank mit radioaktivem Abfall, große Gebiete wurden kontaminiert, und Zehntausende Menschen mussten später umgesiedelt werden. Die Katastrophe wurde jahrzehntelang geheim gehalten und erst in den 1970er-Jahren im Westen bekannt.
Auch Unfälle auf sowjetischen Atom-U-Booten wurden lange verschwiegen oder erst stark verzögert bekannt gemacht. So kam es 1961 auf dem U-Boot Soviet submarine K-19 zu einem schweren Reaktorunfall mit Kühlmittelverlust, bei dem mehrere Besatzungsmitglieder an Strahlenkrankheit starben. 1986 sank das U-Boot Soviet submarine K-219 nach einer Explosion an Bord im Atlantik, ebenfalls unter zunächst unklaren Umständen. Ein weiteres Beispiel ist die K-278 Komsomolets submarine disaster, bei der ein modernes Atom-U-Boot nach einem Brand sank; auch hier wurden Informationen zunächst nur begrenzt veröffentlicht. Mit dem Mismanagement der Kursk submarine disaster schloss Vladimir Putin im Jahr 2000 in gewisser Weise an diese Praxis an.
2022 besetzte Russland das Gebiet rund um den Reaktor, wurde aber im gleichen Jahr gezwungen, es wieder zu verlassen. Während der Besetzung kam es zu Kampfhandlungen und militärischer Nutzung der Sperrzone. Mit der Verlagerung von Kriegshandlungen in die Sperrzone war auch ein zusätzliches Risiko für Bevölkerung und Umwelt verbunden, die ohnehin in der Region schon genug unter der Politik Moskaus leiden mussten. Bis heute ist ein großes Gebiet rund um das Kraftwerk unbewohnbar und als Sperrzone ausgewiesen. Hunderttausende Menschen mussten nach der Katastrophe umgesiedelt werden. Besonders betroffen war die nahegelegene Stadt Prypjat, die erst am 27. April 1986 evakuiert wurde, also mehr als einen Tag nach dem Unfall.

Sowjetische Zeitung Prawda, Modell des Reaktors, Ausstellung im Tschornobyl Museum in Kyjiw, Archiv Dietmar Pichler
Die sowjetische Propaganda nach innen war in erster Linie fatal für die Menschen in der Region:
Die Katastrophe wurde von den Staatskanälen zuerst komplett vertuscht, dann systematisch kleingeredet. Man verwendete den „Unfall“ statt des Begriffs Katastrophe und behauptete, alles unter Kontrolle zu haben. Erst am 28. April 1986 wurde die Bevölkerung offiziell informiert. Da bekannt war, dass viele Sowjetbürgerinnen und Bürger auch Informationen aus dem Westen empfangen konnten, griff die sowjetische Propaganda die westliche Berichterstattung massiv an: Man würde „übertreiben“, Desinformation betreiben, die Situation wäre viel weniger schlimm als im Westen behauptet, und immer wieder die Aussage, es wäre alles unter Kontrolle. Internationale Messstationen, unter anderem in Schweden, hatten zuvor bereits erhöhte Radioaktivität festgestellt.
Die Parade zum 1. Mai in Kyjiw als Symptom einer unmenschlichen Politik im Rahmen dieser Katastrophe:
Diskussionen, ob man am 1. Mai aus gesundheitlichen Gründen die große Maiparade in der nur rund 100 km vom Katastrophengebiet entfernten Hauptstadt Kyjiw absagen sollte, wurden von der sowjetischen Führung negativ bewertet. Die Parade sollte stattfinden, nicht nur im Sinne des Aufmarschs als Selbstzweck, sondern es sollte nach innen und nach außen Normalität vermittelt werden. Propaganda ging vor den Schutz der Bevölkerung. Viele Teilnehmer wussten nichts von der tatsächlichen Gefährdung durch radioaktive Strahlung. Die Zivilisten in Kyjiw wurden zu Statisten, um nicht nur die Bevölkerung in den von Moskau kontrollierten Sowjetrepubliken zu täuschen, sondern auch die Menschen im Westen, denn wo eine Parade stattfindet, kann die Situation scheinbar nicht so schlimm sein.
Wir befragten zwei Zeitzeugen, die zur damaligen Zeit Jugendliche waren: Der Mann gibt an, dass ab einem gewissen Zeitpunkt einige Schüler die Region um Kyjiw zwar verlassen durften, er aber nicht gehen durfte, weil er Prüfungen hatte. Die Frau erzählt, dass ihr Mann zum Katastrophenzeitpunkt zufällig in der russischen Sowjetrepublik war und dort erfahren hat, dass das Ausmaß der Katastrophe größer ist, und er nach seiner Rückkehr in die Ukraine seine Tochter aus dem Radius des Katastrophengebietes wegbrachte.
Warum Tschornobyl statt Tschernobyl?
Bei der Bezeichnung Tschernobyl handelt es sich um die russische Transkription, der ukrainische Name der Stadt ist Tschornobyl (Чорнобиль). Durch die imperialistische Politik des russischen Imperiums, später durch Moskaus Kontrolle im Rahmen der Sowjetunion, waren über lange Zeit russische Transkriptionen auch für ukrainische Städte sehr gebräuchlich.
Ukrinform (2026): Chornobyl: Fourteen Seconds That Shook an Empire
https://www.ukrinform.net/rubric-polytics/4116679-chornobyl-fourteen-seconds-that-shook-an-empire.html
United24 (2026): Chornobyl 40 Years Later—The Danger Is Real Again
https://united24media.com/war-in-ukraine/chornobyl-40-years-later-the-danger-is-real-again-18233
Binghamton University (2026): Chernobyl at 40: Secret Stasi files reveal extent of Soviet misinformation campaign over nuclear disaster
https://www.binghamton.edu/news/story/6201/chernobyl-at-40-secret-stasi-files-reveal-extent-of-soviet-misinformation-campaign-over-nuclear-disaster
Sowjetische TV-Berichte (1986):
Schocher (Luxemburger Wort) – Wie Russland das stillgelegte AKW bis heute als Kriegswaffe nutzt
(24 April 2026) https://www.wort.lu/international/wie-russland-das-stillgelegte-akw-bis-heute-als-kriegswaffe-nutzt/146716565.html?fbclid=IwY2xjawRcJDhleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEe-PiJ8o-Acm5ewWCkhDqVmfxsqjwpJOWxP4PAn0Cyfo9YY-fgtkGnS35N8K0_aem_WhEn0XY-PpI1K38RrbXXyg
