Höhepunkte der Querfront
Unter Querfront versteht man die (meist) thematisch begrenzte Kooperation links- und rechtsaußen stehender Gruppierungen „gegen das System“. Heute spielen diese offenen oder verdeckten Kooperationen wieder eine große Rolle. Der Begriff ist dabei keineswegs neu, sondern taucht in unterschiedlichen historischen Kontexten immer wieder auf. „Die beste Kanzlerin“ titelte das Compact-Magazin aus dem Dezember 2022 und bildete auf seinem Cover die Politikerin Sahra Wagenknecht ab. Während das Compact-Magazin, geleitet von Jürgen Elsässer, weit rechts verortet ist, war Wagenknecht damals noch in der Partei „Die Linke“ aktiv. Sie hat nicht erst seit Februar 2022 aufgrund ihrer Russland-Positionen und Kritik am Westen Aufmerksamkeit erzeugt. War das einer der Gründe für das Urteil von Compact, sie zur „besten Kanzlerin“ zu küren?
Historisch geht der Begriff der Querfront auf das frühe 20. Jahrhundert zurück, als weit rechtsaußen stehende Kräfte gemeinsam mit linksextremen Kräften versuchten, gegen die Demokratie vorzugehen, teilweise sogar mit der Idee, sich gegen den Westen an Sowjet-Russland anzunähern. Das waren freilich begrenzte Phänomene, die sich zum Beispiel von den Nationalsozialisten abspalteten, die sich ja bekanntlich in Rivalität und Feindschaft sowohl mit dem demokratischen Westen als auch mit dem Sowjetkommunismus sahen. Solche Konstellationen blieben Ausnahmen, hatten aber dennoch eine gewisse Signalwirkung.
2014: Der Begriff Querfront taucht wieder auf, und wieder spielt der Blick auf Moskau eine Rolle
Wir erinnern uns an das Frühjahr 2014. Die Olympischen Spiele in Sotschi rufen aus menschenrechtlicher Sicht, aber auch aufgrund von Korruption, systematischer Homophobie und Reinwaschung des Kreml-Regimes Kritik hervor. In der Ukraine demonstrieren Hunderttausende für die Annäherung an die Europäische Union und gegen den eher russlandfreundlichen Präsidenten Janukowitsch. Russland annektiert völkerrechtswidrig die Krim und startet eine pseudoverdeckte Invasion in den ostukrainischen Oblasten Donezk und Luhansk. All das begleitete Russland mit einer Propagandakampagne, die völlig neue Dimensionen aufwies; klassische „aktive Maßnahmen“ der Sowjetzeit, also der Versuch, in westliche Medien zu wirken und lokale Einflussagenten im Sinne Russlands im deutschsprachigen Raum in Stellung zu bringen, wurden kombiniert mit Social-Media-Trollangriffen und der „Berichterstattung“ der Auslandssender Russia Today und Sputnik. Diese neue Qualität der Einflussnahme wurde anfangs von vielen unterschätzt.
In den deutschsprachigen Talkshows dominieren „False-Balance“-Diskussionen, die teilweise ganz offen Sprachrohre des Kremls, wie zum Beispiel russische Diplomaten, Redakteure der Staatsmedien oder Gaslobbyisten, zu Wort kommen lassen. Das Ziel ist Täter-Opfer-Umkehr: Russland wäre friedlich, ja in der Ukraine gar nicht militärisch aktiv, und die Kriegstreiber sitzen im Westen und in der Ukraine. Zu allem Überfluss war auch 2014 die Lage im Nahen Osten alles andere als friedlich.
Nun fühlte sich eine „neue“ Friedensbewegung auf den Plan gerufen. Diese ist scheinbar mehr als heterogen: autoritäre oder ultrapazifistische Altlinke aus der 80er-Friedensbewegung, Verschwörungstheoretiker, ultrarechte Putin-Sympathisanten und Esoteriker. Scheinbar heterogen: Während aber sogar in der kritikwürdigen alten Friedensbewegung zumindest einige auch auf die Aufrüstung und Unterdrückung in der Sowjetunion hingewiesen hatten, ist dies nicht der Zankapfel der neuen Friedensbewegung. Freilich, manche distanzieren sich vom Antisemitismus oder ganz rechten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Vielleicht wunderten sich auch so manche über die Auftritte von Personen, die uns „warnen“ wollen, dass Flugzeuge keine Kondensstreifen, sondern gefährliche „Chemtrails“ versprühen, die uns wahlweise umbringen oder unsere Gedanken kontrollieren sollen. Bei einigen dieser „Mahnwachen“ wurde auch das Finanzsystem auf eine Weise „erklärt“, die Kritiker als strukturellen Antisemitismus beschrieben haben. Die Grenzen zwischen politischem Protest und irrationalen Erzählungen verschwammen dabei zunehmend.
Der stark rechtsgerichtete Teil dieser Bewegung wird kurz darauf, 2015, durch die Flüchtlingskrise neuen Aufwind erhalten. 2014/2015 spielt der Begriff „Lügenpresse“ zur Herabwürdigung etablierter Medien eine große Rolle. Journalistinnen und Journalisten wird ununterbrochen vorgeworfen, dass sie „prowestlich“ berichten würden, was dazu führt, dass gewisse Themen, speziell die Vorgänge in der Ukraine, immer weniger klar berichtet werden. Es gab in dieser Zeit sogar eine Beschwerde des ARD-Programmbeirats über eine angeblich zu russlandkritische Berichterstattung. Wer teilte schon 2014 die gleiche Kritik? Niemand anderer als Sahra Wagenknecht, damals noch Vertreterin der Linkspartei. Im Gegensatz zu heute wurde sie nur vereinzelt dafür kritisiert, Applaus oder Schulterzucken ihr gegenüber gab es von ganz links, von ganz rechts, aber auch durchaus von Personen, die der allgemeinen „Mitte“ zuzuordnen wären.
Tatsächlich war es viel mehr so, dass viele Sendungen in dieser Zeit russische Narrative, wie die „Angst“ vor der NATO-Erweiterung, verbreiteten, und die verdeckte Invasion Russlands wurde oft nicht klar eingeordnet oder man zeigte „beide Seiten“ als gleichbedeutend. Eine klare Einordnung fiel vielen Medien damals schwer.
Einige Journalistinnen und Journalisten sagen, nicht öffentlich, dass sie damals durchaus eingeschüchtert waren von dieser Kombination aus Trollattacken, Angriffen realer Personen und permanenten Vorwürfen.
2014 gewannen auch die traditionellen Ostermärsche der Friedensbewegung an neuer Bedeutung. Auch dort fanden sich nicht selten die absurdesten Interpretationen der bereits damals stattfindenden russischen Aggression in der Ukraine, etwas, das man in Deutschland auch heute sehr deutlich beobachten kann.
2020: Die Covid-19-Kritikerbewegung ermöglicht nie dagewesenes Mobilisierungspotenzial für die Querfront
Die Covid-19-Pandemie stellte als globales Ereignis die perfekten Rahmenbedingungen zur Ausbreitung von Verschwörungstheorien dar. Das anfängliche Informationsvakuum, gefolgt von einer zum Teil ungeschickten Kommunikationsstrategie und möglicherweise nicht immer perfekt ausbalancierten Maßnahmen, führte immer wieder zu Kritik in Teilen der Bevölkerung. Allerdings ging es im „harten Kern“ der „Maßnahmenkritiker“ und „Querdenker“ nicht nur um kritischen Diskurs, sondern um teils absurde Vorwürfe. So wurde behauptet, dass die Maßnahmen gegen die Pandemie uns in eine „Diktatur“ getrieben hätten. Bei einem Zusammenstoß von „Covid-Spaziergängern“ und einer Belarus-Kundgebung, bei der auch Folteropfer des Regimes vor Ort waren, wurden diese von den „Maßnahmenkritikern“ massiv beschimpft, einer von ihnen wollte sogar einen Belarussen davon überzeugen, dass Putin eigentlich ein feiner Präsident sei, nur die westliche Propaganda würde ihn so fälschlich darstellen und verunglimpfen. Solche Begegnungen zeigen, wie weit sich manche Diskurse bereits von der Realität entfernt hatten.
Russland war in Zeiten der Pandemie innerhalb dieses Themas zwar präsent, aber nur eines von vielen Themen. Das sollte sich bald ändern.
2022: Der russische Großangriff auf die Ukraine

Typisches Schild bei den neuen „Friedensdemonstrationen“, der imperialistische Angriffskrieg wird umgedeutet Foto: Dietmar Pichler
Die Covid-19-Pandemie und vor allem die damit verbundenen Maßnahmen und Protestbewegungen waren noch nicht vorbei, als Russland eine Vollinvasion gegen die Ukraine startete. Die bereits vor dem Großeinmarsch angemeldeten Covid-Demos fanden statt, bekamen aber eine neue, prorussische Bedeutung. Zur gleichen Zeit fanden allerdings auch Kundgebungen zur Unterstützung der Ukraine statt, was unweigerlich zu direkten Konfrontationen führte.
Heute ist bekannt, dass die alte Friedensbewegung, die sich gegen die Stationierung der amerikanischen Pershing-2-Raketen richtete, massiv vom KGB und der Stasi unterwandert und teilweise manipuliert und unterstützt wurde. Frontorganisationen, Einflussagenten, also westliche Akteure bis hin zu Wissenschaftlern im Sinne der Sowjetunion, wurden damals für den einseitigen „Friedensbegriff“ in Stellung gebracht. Werner Großmann, General im Ministerium für Staatssicherheit der DDR, sagte 2011 im Rahmen einer Dokumentation zur Friedensbewegung von Sandra Maischberger offen: „Also, das ist auch ein Ziel unsererseits gewesen, die Friedensbewegung in der Bundesrepublik für uns nutzbar zu machen.“
Auch damals war das Bündnis schon heterogen, von kirchlichen Vertretern über Jungsozialisten bis zu einem sehr starken kommunistischen Kern. Im Unterschied zu heute gab es zwar bereits damals einen starken antiwestlichen Bias, man kritisierte stark die Pershing-2-Raketen, aber nicht die bereits stationierten sowjetischen SS-20 (RSD-10 „Pioner“), allerdings gab es auch kritische Stimmen, die am „östlichen Auge“ nicht blind waren. Diese Dissonanzen gibt es heute kaum noch.
Die Querfront feiert sich inzwischen ganz offen selbst, wenn man bei „Friedensdemonstrationen“ ganz offen auf „Unterschiede“ aufmerksam macht, aber den gemeinsamen Wunsch nach „Frieden“ teilt, der laut dieser Szene nur von NATO, Ukraine bzw. „dem Westen“ gefährdet wird. So kann man durchaus Rechtsextreme, Kommunisten, Esoteriker, Covid-„Maßnahmenkritiker“ und vereinzelt sogar angebliche Sozialdemokraten und Bürgerliche, “querfrontlich harmonisch vereint” beim Agitieren beobachten.
Während radikale Pazifisten, Relikte der alten Friedensbewegung, Gewalt auch als Verteidigung ablehnen, haben andere eine selektivere Meinung zur Gewaltfreiheit. So ist in Auswüchsen der „antiimperialistischen“ Szene die Unterstützung der Verteidigung der Ukraine „Kriegstreiberei“, während aber das Regime im Iran „gewinnen soll“, so wie auch die Hamas. Umgekehrt ist in einer stark rechtsgerichteten Schrift zu lesen, dass eine Verschärfung des Waffengesetzes für Privatbürger inakzeptabel wäre, man müsse sich gegen Invasoren verteidigen dürfen, einige Seiten später liest man von Friedensveranstaltungen und der Ablehnung der Skyshield-Initiative, weil diese „Kriegstreiberei“ wäre.
Dieses Druckwerk ist im eigentlich nur militärisch neutralen Österreich entstanden, wo sich eine Szene von „Neutralitätsaktivisten“ herausgebildet hat, die durchaus aus unterschiedlichen politischen Lagern kommt, aber immer wieder gegen die Solidarisierung mit der Ukraine und „Militarisierung“ wettert. Der Umstand, dass sich manche Linke nicht über die Wahlniederlage des Rechtspopulisten Orbán freuen, zeigt gerade jetzt wieder die Natur der Querfront. Die Vertreter der Querfront unterstützen nicht nur Kräfte und Mächte dieser Welt, die im Widerspruch zu ihrem eigenen Weltbild stehen, sie tun das in Partnerschaft mit Akteuren, die eigentlich konträr zueinander stehen, aber in ihrem Kampf gegen „das System“ erstaunlich einig wurden.
Artikel zum Thema:
- Süddeutsche, 2020, “Diese Feindbilder einen die Corona-Querfront”
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/coronavirus-verschwoerungstheorie-bill-gates-youtube-telegram-1.4904814 - Tagesspiegel, 2014, ““Friedensmahnwachen“: Rechte, Linke, Verschwörungtheoretiker – die neue „Querfront“”
https://www.tagesspiegel.de/politik/rechte-linke-verschworungtheoretiker-die-neue-querfront-5899585.html - Magazin Jetzt, Oktober 2025, “Putins Querfront für den Frieden Was Rechte, Linke, Gaza-Demonstranten und Leute, die an Chemtrails glauben, vereint.”
https://www.jetzt.at/artikel/sF4I5npc-a3boB89S-b1020https://www.tagesspiegel.de/politik/rechte-linke-verschworungtheoretiker-die-neue-querfront-5899585.html - Profil, März 2020, “Friedensbewegung – der Feind stand im Westen”
https://www.profil.at/oesterreich/friedensbewegung-der-feind-stand-im-westen/401937793 - SWR, Stand Aug 2025, “Wie russische Einflussnehmer die deutsche Friedensbewegung unterwanderten”
https://www.swr.de/swrkultur/wissen/wie-russische-einflussnehmer-die-deutsche-friedensbewegung-unterwanderten-102.html

Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
