Kritik: Wie guter Journalismus angegriffen und Putinversteherei gefördert wurde
Wenn es um Russland, aber auch um China geht, werden und wurden Redaktionen wirtschaftlich, politisch und juristisch eingeschüchtert, keine klare Analyse zu liefern. Umgekehrt werden immer wieder russlandfreundliche Berichterstatter gefördert, gelten als “besonders objektiv”. Dabei entlarvte guter Journalismus gegen alle Widerstände immer wieder die Taten des Kremls und seiner Fürsprecher.
Vorbemerkung: In diesem Artikel werden keine Namen genannt. Dies hat in diesem Fall nicht nur egoistische Motive, sondern dient auch dem Schutz der Journalistinnen und Journalisten, die in Hintergrundgesprächen ihre Erfahrungen mitgeteilt haben und deren Identitäten geschützt werden sollen.
Wir schreiben das Jahr 2014. Russland geht scharf gegen Menschenrechtsaktivistinnen bei den Olympischen Spielen in Sochi vor, annektiert die ukrainische Halbinsel Krim und entfacht einen “pseudoverdeckten” Krieg in den ostukrainischen Oblasten Donetsk und Luhansk. Ein Krieg, der auch bei uns oft nicht als solcher erkannt wird, die Rolle Russlands wird kleingehalten, umgekehrt wird die Schuld an der Krise umgeschichtet. Obama, die Europäische Union und natürlich die Ukraine wären irgendwie ja auch schuld bzw. vielleicht sogar hauptschuld. Der Umstand, dass Russland nicht nur die Wagnergruppe, sondern auch andere militante Gruppen plus reguläre sogenannte Soldaten “auf Urlaub” bzw. “Grüne Männchen” in die Ukraine geschickt hat, wird immer wieder ignoriert. Das gilt auch für Artilleriefeuer von russischem Territorium auf die Ukraine, eine russische Propagandakampagne, die nicht nur das Nachbarland, sondern die ganze Welt angreift, um unser Bild von der Ukraine zu prägen (Dämonisierung des Opfers), aber auch unsere Gesellschaften so stark wie nur möglich zu spalten. Eine große Rolle spielten die Trollfabriken eines Herrn Prigozhin, bekannt als “Putins Koch”, der erst später durch seine Rolle als Anführer der Wagnergruppe sehr bekannt wurde.
Doch einer Reihe von Journalistinnen und Journalisten blieb im Jahr 2014 all das nicht verborgen. Manche mit Osteuropaexpertise, auch über Russland hinaus, verfolgten das Geschehen und berichteten darüber. Dies blieb nicht unbemerkt. Eine Hasskampagne richtete sich gegen die angebliche “westliche Lügenpresse”, die “Putin dämonisieren” würde, wie man sogar von sogenannten “Experten” hören konnte. Das waren natürlich die Expertinnen und Experten, die tendenziell zu einem von der Politik gewollten “Putinversteher Bias” neigten. Politik, Kultur und Gesellschaft förderten den “Bothsidesism”, die Dämonisierung der Ukraine zugunsten Russlands und das Putinversteher Getue, weil man selbst die eigene Policy fortsetzen wollte und sich die Fehler nicht eingestehen konnte. Kritischer Journalismus, der das aufdeckt, war unerwünscht. Erwünscht war eine gewisse “Neutralität gegenüber der Realität” und natürlich die Moskauer Linse, wer eine ukrainische Perspektive beleuchtete, galt als nicht mehr objektiv. Dabei wurde die Ukraine von den angeblich seriösen “Analysten” gerne als Objekt behandelt, Subjektstatus hatte natürlich nur Russland, deshalb auch immer wieder die Rede vom “Stellvertreterkrieg”, damit man sich mit der ukrainischen Perspektive gar nicht befassen muss. Vielleicht war es so auch einfacher, das schlechte Gewissen zu unterdrücken, weil man sich immer tiefer mit der russischen Diktatur eingelassen hat und deshalb auch die Kommentatoren bevorzugte, die das weiterhin relativ kritikfrei ermöglichten.
Umgekehrt waren kompetente Journalistinnen und Journalisten mit einer Situation konfrontiert, in der sie auf Social Media und in den eigenen Kommentarspalten von russischen wie heimischen Trollen beschimpft und bedroht wurden und man ihre Arbeit nicht wertschätzte. Wurden prorussische Akteure, deren Handlungen und Aussagen eingeordnet, egal ob auf Social Media oder in Artikeln, kann es schon sein, dass man einen Brief vom Anwalt erhält. Das Gleiche berichtet uns eine Journalistin zum Thema China, Aufdeckungsarbeit ist mit einem hohen Risiko verbunden, jetzt sogar noch schlimmer als 2014. Redaktionen und Kommentatoren auf Social Media bekommen täglich Einschüchterungsbriefe, in den meisten Fällen erfahren wir nie davon. All diese Effekte führten zu einer bewussten oder unbewussten Selbstzensur, die Dinge werden nicht mehr beim Namen genannt. Dazu kommt noch, dass die “Lügenpresse” Kampagne über die angeblich “russophobe Westpresse” ein massives Strohmannargument enthält. Schließlich war die Presse selbst ohne die Beeinflussung durch die Hasskampagne gar nicht per se “antirussisch”. Viele Artikel übernahmen negative Narrative über die Ukraine, verschoben die Verantwortung für die Aggression und auch das Narrativ der “provozierenden” NATO Erweiterung konnte man immer wieder lesen und sehen, nicht nur in “False Balance” Diskussionsrunden. Aber mit der Unterstellung, dass die Medien ja so “prowestlich gebiased” wären, wurden gleichzeitig sämtliche Einordnungen der russischen Aggression relativiert, aber umgekehrt kritische, oft verzerrte, dämonisierende Positionen über die Ukraine aufgewertet, so wie man immer wieder hörte: “sogar die Mainstreammedien berichten nun, was das Kiewer Regime tut”.
2014 war ein hocherfolgreiches Jahr für die russische Propaganda: Medien wurden eingeschüchtert, Journalistinnen und Journalisten gingen in die Selbstzensur, wer als “objektiv” gelten wollte, musste zum “Bothsidesism” greifen oder gar für Russland Partei ergreifen. Dabei war damals Russland schon der Aggressor, war damals die Ukraine uns schon viel näher, wollte sich nach Europa orientieren, aber die “objektive” Analyse reproduzierte immer wieder Narrative wie die angebliche “NATO Angst” des Kremls oder die “Unterdrückung der russischen Minderheit” bzw. ging nicht darauf ein, dass es sich beim Krieg im Donbas um einen Krieg handelt, den es ohne Russland nicht geben würde.
Es gab bis heute keine Aufarbeitung des Jahres 2014, die “Putinversteher” und “Ukrainebasher” von damals sind immer noch erfolgreich, die vielen seriösen Journalistinnen und Journalisten mit Osteuropaexpertise stehen weiterhin unter Druck. Wer über autokratische Staaten und deren Fürsprecher im Westen berichtet, hat es im deutschsprachigen Raum schwer. Dabei muss es nicht immer so weit gehen wie im Falle, wir nennen nun doch Namen, von Profil Chefredakteurin Anna Thalhammer, die von Agenten verfolgt und beschattet wurde, oder Christo Grozev, den man für seine journalistische Arbeit sogar umbringen wollte. Der Journalismus wird ökonomisch, juristisch und politisch unter Druck gesetzt, die Autokraten und ihre Freunde, Fürsprecher und Relativierer nicht zu deutlich zu entlarven, glücklicherweise geben viele diesem Druck nicht nach.
Als der sozialdemokratische Abgeordnete Christoph Matznetter in einer TV Sendung geradezu absurde Behauptungen zur Urheberschaft des Abschusses der Passagiermaschine MH17 verbreitete, war es der österreichische Journalismus, der dies einordnete, inklusive seiner damaligen Rolle als Vizepräsident der russischen Freundschaftsgesellschaft. Es war auch der Journalismus im deutschsprachigen Raum, der das Büchersponsoring von Putin Biograph und “Versteher” Hubert Seipel ans Licht brachte. Die Frage, die sich aber stellt, ist: Wie viele Stories haben es nur bis zum Schreibtisch der Redaktion geschafft und wurden aus Angst und wegen Einschüchterung nie veröffentlicht? Der Autor dieses Textes hat selbst den Satz “diese Person ist in Österreich so angesehen, da kann ich nichts darüber berichten” gehört.
Egal ob es um den flächendeckenden Einsatz von Trollfarmen, die Einordnung so mancher Putinversteher in Artikeln und Kommentaren, die investigative Recherche prorussischer Netzwerke oder die pseudoverdeckte russische Invasion der Ukraine geht: Der Journalismus hat gegen viele Widerstände einen Hauptteil der Aufklärungsarbeit geleistet, während gewisse Teile der Politik, Academia, aber auch manchmal die eigenen Berufskollegen gerne vertuscht und verzerrt hätten, mit welchem Russland wir es zu tun haben und wie eine Querfront aus linken wie rechten “Demokratieskeptikern” unsere liberale Gesellschaft im Visier hat.

Dietmar Pichler ist Chief Analyst und Redakteur bei INVED und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Desinformation, Medienkompetenz und ausländische Einflussnahme. Er analysiert Desinformationskampagnen sowie propagandistische Einflussstrategien autoritärer Regime. Neben seiner Tätigkeit bei INVED ist er als freiberuflicher Medienkompetenztrainer, Berater für strategische Kommunikation und Desinformationsanalyst in Wien tätig. Er ist Vizepräsident der NGO „Vienna Goes Europe“ und Gründer der Initiative „Disinfo Resilience Network“, die sich der Vernetzung von Fachleuten zur Aufdeckung und Einordnung hybrider Bedrohungen widmet.
